Dienstag, 26. März 2019

Endstation Bogenhausen Wie Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fiel

Martin Winterkorns VW-Karriere: Szenen einer Ehe - "Wikos" Aufstieg im Volkswagen-Konzernreich
Getty Images

8. Teil: Das Alter fordert Tribut

Wenn Winterkorn sich völlig fertig in den Fond seines Wagens fallen lässt, wie so häufig nicht zum Essen gekommen, scheint dieser alte "Wiko" manchmal noch durch. Dann kann sich der Allmächtige über eine vom Fahrer organisierte Wurstsemmel "halb tot freuen", erzählt einer, der sonst eher kritische Worte über den Ex-Chef findet.

Inzwischen aber wirkt Winterkorn auf seine Umgebung meist kühl, distanziert, misstrauisch gegenüber Neuem. Als herrschsüchtig, autoritär und selbstverliebt wird er in seiner Spätphase beschrieben. Er sei zum Diktator mutiert.

Und auch das Alter fordert Tribut: Die Knie schmerzen, das Bücken fällt schwer, die Reisen kosten Kraft. Das gelegentliche Training im Trimmkeller hilft nicht viel.

Immer häufiger werden Zweifel laut, ob Winterkorn noch der richtige Chef sei, um Volkswagen in die Zukunft zu führen. Selbst im Vorstand. Das sei doch "Realitätsverlust", räsoniert ein Kollege, wenn man glaube, mit fast 70 noch der beste Vorstandschef für eine Ära zu sein, die geprägt ist von Elektromobilität und neuen Geschäftsmodellen, von Digitalisierung und Angreifern aus dem Silicon Valley.

Ja, die schöne alte Autowelt. Carsharing? Nein danke, "die Schweißfüß' von einem anderen muss ich nicht haben", sagte Piëch einmal. Die Autos seien im Innenraum viel zu oft dreckig, pflichtete Winterkorn bei. Thema abgehakt.

Eine Beteiligung der Familienholding Porsche SE am israelischen Newcomer Mobileye, spezialisiert aufs autonome Fahren? 10 Prozent für rund 150 Millionen Dollar? Abgelehnt. Heute wäre der Anteil eine Milliarde mehr wert.

Und Tesla? "Warum haben wir das nicht?", musste Piëch nach einer Fahrt im Model S fragen, ehe Winterkorn den Töchtern Audi und Porsche zusammen fast drei Milliarden Euro bewilligte für die Entwicklung zweier Batterieboliden.

Nur wenig später, im Frühjahr 2014, landet eine Anfrage aus Kalifornien in Wolfsburg. Die US-Umweltbehörden haben VW-Modelle getestet und dabei auffällig hohe Stickoxidwerte im Abgas registriert. Sie bitten um Aufklärung.

Was dann geschieht, steht exemplarisch für die Gefahren des Management by Winterkorn. Die merkwürdigen Abgaswerte bleiben lange Randthema. "Brief EPA diskutiert", "Maßnahmen einzuleiten", "Rückruf?" Sechs Wörter im Protokoll einer Sitzung des VW-Markenvorstands, mehr nicht. Es ist Mai 2014, die Techniker versprechen eine Lösung. Der Rückruf wird später tatsächlich beschlossen, von den Behörden genehmigt und in den Wintermonaten abgearbeitet.

Alles klar. Nächster Punkt. Denkt Winterkorn.

Nie hat er den Zugang zum amerikanischen Markt gefunden, nun ignoriert er die Probleme. Der eigens entwickelte US-Passat war gefloppt. Winterkorn und sein Chefentwickler Hackenberg schwärmen zwar, sie hätten das Modell "entfeinert". In Wahrheit stritt man selbst noch darüber, ob US-Lack und Leder von amerikanischen Rindern nicht doch zu billig seien für VW-Qualität. Die von Winterkorn mitkonzipierten Autos waren zu perfekt und zu teuer für den US-Markt. Die Folge: Absatzziele verfehlt, Ergebnis tiefrot.

© manager magazin 9/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung