Montag, 18. März 2019

Endstation Bogenhausen Wie Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fiel

Martin Winterkorns VW-Karriere: Szenen einer Ehe - "Wikos" Aufstieg im Volkswagen-Konzernreich
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6. Teil: Risse zwischen Lehrer und Schüler

Das überbordende Selbstbewusstsein wird auch in Salzburg registriert. Insbesondere Ursula Piëch ist irritiert. Es fängt an zu knirschen zwischen Winterkorn und den Piëchs.

Zu spüren ist das zunächst in der "Walhalla"; so nennen sie in Wolfsburg das Allerheiligste ihrer Designer. Etwa alle sechs Wochen fliegt Piëch ein, um mit Winterkorn und Chefdesigner Walter de Silva in der Designzentrale neue Modelle zu begutachten. Als 2012 ein Platz im Aufsichtsrat frei wird und Ursula Piëch nachrückt, sind sie in der Walhalla zu viert. Frau Piëch redet mit, schlägt Farb- und Formwechsel vor. Winterkorn staunt. Und traut seinen Ohren nicht, als der Patriarch auch noch auf Uschi hört.

Er, Europas wahrscheinlich mächtigster Konzernfürst, soll sich von der Gattin seines alten Meisters belehren lassen? Das hat Martin Winterkorn nicht nötig.

So sehr ärgern den Vorstandschef diese Treffen, dass er die Piëchs einfach nicht mehr einlädt. Man trifft sich fortan nur noch einmal im Jahr zur Designschau. Auf jenem Kontrolleursmeeting, bei dem allen Aufsichtsräten nebst Ehepartnern neue Modelle präsentiert werden.

Ferdinand Piëch ausladen? Der alte, brave Winterkorn hätte das nie gewagt. Ursulas Misstrauen überträgt sich auf Ferdinand.

Der beobachtet, wie Winterkorn im Sommer 2014 verspricht, das VW-Ergebnis bis 2017 um gut sechs Milliarden Euro zu verbessern, das Effizienzprogramm Future Tracks dann aber schnell runterkocht und Geld ausgibt wie gehabt.

Über Monate nervt Piëch seinen CEO, indem er aus Salzburg ständig neue Informationen anfordert und ihn in Manndeckung nimmt. Dann das erste Misstrauensvotum. Piëch holt den Brachialsanierer Herbert Diess von BMW nach Wolfsburg, als VW-Markenchef. Den Job erledigte bis dahin Winterkorn in Personalunion mit. Die Risse zwischen Lehrer und Schüler klaffen mittlerweile so weit wie das Spaltmaß beim ersten VW Käfer.

Doch lässt sich die Leistung eines Volkswagen-Chefs überhaupt mit gebräuchlichen Kennziffern messen? Der Konzern wird co-gesteuert von einer starken Belegschaft, hat mit dem Land Niedersachsen einen rein politisch interessierten Ankeraktionär und mit dem Porsche/Piëch-Clan einen zerstrittenen Mehrheitseigner. "Unter den Bedingungen hat Winterkorn das Beste herausgeholt", sagt ein Konzernmann. "Verglichen mit dem Chaos heute waren die Winterkorn-Jahre Champions League", stimmt ein Kollege zu.

Er blendet allerdings aus, dass Winterkorn das Chaos des Dieselskandals mit angerichtet hat. Und dass nach dem Sturz des Diktators immer eine Phase der Unordnung folgt.

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