Mittwoch, 20. März 2019

Endstation Bogenhausen Wie Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fiel

Martin Winterkorns VW-Karriere: Szenen einer Ehe - "Wikos" Aufstieg im Volkswagen-Konzernreich
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5. Teil: Selbstbewusstsein grenzt an Größenwahn

Die Präsentation der Ergebnisse wird zum Fanal für Winterkorn, ein Chart nach dem anderen benennt die Schwächen, zeigt die verfehlten Meilensteine auf. Winterkorn sei langsam rot geworden, die Wut immer sichtbarer, erinnert sich ein damals Anwesender. Dann sei er geplatzt, habe den Präsentierenden beschimpft und gebrüllt, wegen einiger unfertiger Teile sei doch noch lange nicht alles schlecht.

Winterkorns Lautstärke wird legendär; eine stille Sitzung bei VW sei keine gute gewesen, sagt ein Topmanager. Abends soll Winterkorn sein Gebrüll dann bisweilen leidgetan haben. "War ich da jetzt zu laut?", sei so eine typische Frage an seine Vertrauten gewesen, erzählt einer.

Winterkorn ist kein Despot, selbst am legendären Schadenstisch will er niemanden quälen. Wenn er dort, erst bei Audi und später bei Volkswagen, Qualitätsprobleme bespricht und die Stimme erhebt, will er Probleme lösen und von Schlamperei abschrecken. Pädagogik à la Winterkorn. Er doziert - offen diskutiert wird allerdings nicht.

Der Konzern wird immer größer, die Zahl der Modelle immer unübersichtlicher; aber der CEO kämpft im Kleinen. Winterkorn bleibt der oberste Entwickler, getreu dem Motto: Das Auto ist alles.

Egal was es kostet - gefällt ihm das Heck des fertig entwickelten China-Modells Lavida nicht, müssen die Stoßfänger geändert werden. Sind die Kanten des US-Passats nicht scharf genug, müssen die Zulieferer nacharbeiten. Die Kosten solcher Änderungen summieren sich auf zwei-, teils dreistellige Millionenbeträge.

Immer an Winterkorns Seite: Ulrich Hackenberg, bis 2012 Chefentwickler bei VW, später dann Audi-Vorstand. Will Winterkorn beim Billigprojekt Budget-Car einmal Qualitätsabstriche machen, bringt ihn der noch dogmatischere Hackenberg wieder auf teure Linie. Unter der Ägide der beiden explodieren die Entwicklungskosten; die späten Änderungen verteuern auch die Produktion.

Die ersten Getreuen mucken auf. Finanzvorstand Pötsch treibt 2013 eine Reformagenda voran, mit dem Ziel, 1000 Euro pro Auto zu sparen. Selbst an das vom CEO lieb gewonnene Sportsponsoring ("mehr als 500 Millionen Euro") will er ran. Auch Betriebsratschef Bernd Osterloh verlangt mehr Disziplin.

Nichts passiert. Winterkorns Selbstbewusstsein grenzt jetzt bisweilen an Größenwahn.

"Ferdinand Piëch war der Innovator und ich der Mann, der seine Ideen in die Serie gebracht hat", sagt Winterkorn in dieser Phase - und fügt hinzu: "Später bin ich dann selbst der Innovator geworden." Der Zauberlehrling hat sich von seinem Lehrmeister emanzipiert, er braucht ihn nicht mehr. Glaubt er zumindest.

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