Montag, 18. März 2019

Endstation Bogenhausen Wie Martin Winterkorn aus dem Autohimmel fiel

Martin Winterkorns VW-Karriere: Szenen einer Ehe - "Wikos" Aufstieg im Volkswagen-Konzernreich
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10. Teil: Eine Krisensitzung jagt die nächste

In Wolfsburg jagt eine Krisensitzung die nächste; die ersten Tage vergehen damit, die Dimension des Betrugs zu begreifen. Noch in der Nacht von Montag auf Dienstag schwankt die Zahl der manipulierten Motoren zwischen 4 Millionen und 12 Millionen. 11 Millionen sind es schließlich, am Dienstagmorgen geht eine Gewinnwarnung raus, 6,5 Milliarden Euro werden zurückgestellt. Die Suche nach den Schuldigen beginnt.

Der Aufsichtsrat übernimmt die Führung. Der ehemalige IG-Metall-Chef Berthold Huber und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) drängen in einer Präsidiumssitzung am Mittwoch vehement auf Konsequenzen: Wenn das alles so stimme, müssten Köpfe rollen. Wessen Kopf genau sie damit meinen, sagen sie noch nicht.

Winterkorn wirkt paralysiert. Am Freitag hätte der Aufsichtsrat seinen Vertrag als Vorstandschef verlängern sollen. Er soll bis 2019 bleiben. So ist es fest vereinbart.

Jetzt informiert ihn Huber, seit Piëchs Rücktritt übergangsweise Chefkontrolleur, "unter diesen Umständen" sei die Verlängerung nicht möglich. Man müsse die Entscheidung verschieben.

Für Außenstehende erscheint das nur logisch, fast schon nachsichtig.

Für Winterkorn ist es eine Beleidigung. Wie soll Volkswagen denn ohne ihn, der jede Schraube kennt, funktionieren?

Schon zwei Wochen zuvor hatten sie ihm einen brutalen Schlag versetzt. Winterkorn war erholt aus dem Urlaub zurückgekehrt, sein Aufstieg zum Chef des Aufsichtsrats längst beschlossen. Er würde demnächst von München aus arbeiten, ein Büro bei der Truck-Tochter MAN beziehen.

Das alles galt nach den Ferien nicht mehr. Ferdinand Piëch hatte im Hintergrund seine Restmacht ausgespielt und die Familie überzeugt, dass Winterkorn der falsche Aufsichtsratsvorsitzende sei. Finanzchef Pötsch sollte das Amt bekommen.

Winterkorn hatte sich gebeugt. Zum Trost bekam er die Vertragsverlängerung zugesagt.

Nun sollte er selbst auf die verzichten. Winterkorn verstand das alles nicht. Er hatte doch die Motoren nicht persönlich manipuliert. Verantwortlich waren andere. Konnte nicht sein langjähriger Intimus Hackenberg - zuletzt Entwicklungsvorstand bei Audi - die Verantwortung übernehmen?

Doch Hackenberg wollte sich nicht opfern. Er sei überhaupt kein Motorenexperte. Winterkorn verlor nach Piëch den zweiten Fixpunkt seiner Volkswagen-Welt. Dieses Unternehmen war nicht mehr seins. Er trat zurück.

Seither muss er zusehen, wie sein Erbe nach und nach zur Altlast erklärt wird.

Der Konzern, der doch bis September 2015 auf dem Weg zu neuen Rekorden war? In Existenznot. Die Kosten des Dieselskandals werden mittlerweile auf deutlich mehr als 20 Milliarden Euro geschätzt.

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