Mittwoch, 28. September 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Leistung um jeden Preis Der Pillenkick

Karriere: Manager suchen den Pillenkick
Fotos
DPA

Morgens Upper, abends Downer, mehr Leistung um jeden Preis: Zu Tabletten und harten Drogen greifen zunehmend auch Manager.

Medizinisch betrachtet dürfte es Michael Kramer(*) gar nicht mehr geben. Das haben ihm die Ärzte gesagt, kopfschüttelnd, und sein Körper sagte es ihm auch, manchmal mehrfach am Tag. Kramer (51) nimmt Heroin, regelmäßig, seit fast 30 Jahren. Es saugte eine ansehnliche Erbschaft auf, brockte ihm eine Hepatitis C ein, manchmal katapultierte es Kramer in ein herzrasendes Delirium. Nur: Ohne den Stoff hätte er keine Karriere gemacht. Kramer ist IT-Leiter bei einem Versicherungsunternehmen, zwölf Mitarbeiter, bundesweite Verantwortung.

Die Beziehung zwischen Kramer und dem "H" begann 1985. Der begeisterte Sportler laborierte an den Folgen eines schweren Skiunfalls, eine Niere wurde entfernt, er musste damals reanimiert werden. Als ihn noch seine langjährige Freundin verließ, fiel er "in ein tiefes Loch". Im Sportverein bot ihm jemand Heroin an. "Ich wusste sofort: Das isses!", sagt Kramer. "Plötzlich waren meine Probleme einfach weg."

Kramer liebt den Kick, Ski, Motorrad, Fallschirmspringen. Er ist ein "sensation seeker", wie es im Jargon heißt, aber er ist kein Dummkopf. Er hat Heroin nie gespritzt, nur geraucht. Nachschub kam über alte Schulkumpels, kommuniziert wurde mit Codes: "Hast du noch was von der Marzipantorte?"

Das "H" setzte er sehr gezielt ein: In der Ausbildung bei Siemens Börsen-Chart zeigen entspannte es ihn während der Klausuren, später nahm er es vor stressigen Situationen: wichtige Präsentationen, schwierige Mitarbeitergespräche, Großprojekte im Verzug. "Mit dem Heroin konnte ich die Dinge ruhig und nüchtern betrachten, es schaffte Abstand, und ich konnte bessere Entscheidungen treffen." Niemand in der Firma weiß, dass der alerte Teamleiter drogensüchtig ist.

"Dass jemand über einen so langen Zeitraum und vergleichsweise kontrolliert Heroin nimmt, ist extrem ungewöhnlich", sagt Kramers Arzt Konrad Cimander, der in Hannover ein Kompetenzzentrum Suchtmedizin betreibt. Trotzdem zog auch Kramer irgendwann die Reißleine. Ein Gramm, seine Tagesration, kostet 50 bis 60 Euro. Er verdient zwar gut, aber nicht unbegrenzt.

Nicht nur Aussteiger greifen zur Droge - sondern auch die Aufsteiger

Und die Ausfälle mehrten sich: Herzprobleme, Konzentrationsschwächen, "ich wollte einfach weg von dem Zeug". Seit Jahren schon besucht Kramer eine Therapeutin, sie verschaffte ihm einen Platz in Cimanders Substitutionsprogramm, seit 2010 kriegt er Methadon. Acht Milliliter täglich, eine Ration, die einen Nichtsüchtigen töten würde. Und noch einen Zweiten dazu.

Der Ersatz bringt Kramer stabil über den Tag, aber vier- bis fünfmal im Monat, wenn der Druck zu groß wird, muss es noch Heroin sein. "Nahezu alle Drogen bewirken eine verstärkte Dopaminausschüttung im Gehirn und greifen damit tief in unser Belohnungssystem ein: Gelassenheit, Freude, Selbstbewusstsein quasi auf Knopfdruck", sagt Cimander. "Das stellen Sie nicht mal so eben ab."

Heroin, die Schmuddeldroge der 80er Jahre, kommt in Managerkreisen eher selten zum Einsatz. Doch der Griff zu Suchtmitteln aller Art - Alkohol, Psychopharmaka, harte Drogen - ist unter Führungskräften beinahe salonfähig geworden. Nicht mehr nur Aussteiger werfen sich heute Medikamente ein. Sondern auch die Aufsteiger.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH