Freitag, 20. Oktober 2017

Drei Vorbilder für Wiederbelebungen von Unternehmen Comeback nach dem Absturz - wie geht das?

Geht doch (Details siehe nachfolgend).
manager magazin
Geht doch (Details siehe nachfolgend).

Wie kommen Unternehmen nach dem Absturz wieder hoch? Die Beispiele Lanxess, Osram und Siltronic zeigen, worauf es bei Restrukturierungen ankommt.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 6/2017 des manager magazins, die Ende Mai erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Als Christoph von Plotho (61), Spross eines brandenburgischen Adelsgeschlechts, anno 2010 vom Chemiekonzern Wacker Börsen-Chart zeigen auf den Chefposten bei der Tochtergesellschaft Siltronic wechselte, schien das nur ein kleiner Schritt zu sein. Räumlich kaum bemerkbar. Die beiden Firmen siedeln bis heute im selben Gebäude im Münchener Grüne-Wiese-Stadtteil Neuperlach.

Tatsächlich wurde von Plotho in eine andere Welt geworfen.

Siltronic, Hersteller von Siliziumscheiben für die Halbleiterindustrie, die anschließend in Smartphones, Flachbildschirmen oder Navigationssystemen verbaut werden, war in deprimierender Verfassung.

Die Münchener hatten wie die Konkurrenz auch das Potenzial der neuen 300-Millimeter-Wafer falsch eingeschätzt. Die Auslastung der Fabriken lag bei nur noch 70 Prozent, die Märkte waren überschwemmt, die Preise im Keller.

Von Plotho war schnell klar: Nachfrage und Preise bestimmt der Weltmarkt; das Einzige, was er selbst beeinflussen konnte, waren die Kosten. 6 Prozent Produktivitätssteigerung pro Jahr müssten drin sein, befahl der neue Chef; die Siltroniker hatten bang 2 Prozent vorgeschlagen. "Ich hatte mehr Vertrauen in die Truppe als sie selbst", erzählt von Plotho.

Werke in Japan und den USA wurden geschlossen, Mitarbeiter vorzeitig in den Ruhestand geschickt, Leiharbeiter beschäftigt, um die Nachfragespitzen besser abfangen zu können. So gelang es binnen weniger Jahre, die Kosten drastisch zu senken. Seit 2013 hat Siltronic mehr als 200 Millionen Euro eingespart. Die Marge (Ebitda), zwischenzeitlich auf 0,1 Prozent miniaturisiert, kletterte bis 2016 auf 15,6 Prozent.

Die Betriebsräte zog von Plotho auf seine Seite, in Deutschland verzichtete er auf Entlassungen. "Ich weiß nicht, ob wir ohne den Sparkurs heute noch leben würden", sagt er und nimmt noch einen Schluck Kräutertee aus einer weißen Siemens-Tasse. In der Beruhigung liegt die Kraft.

Siltronic gilt heute als Paradefall einer erfolgreichen Restrukturierung. Im März konnte Wacker das Unternehmen, seit 2015 im Tec-Dax Börsen-Chart zeigen notiert, in die Unabhängigkeit entlassen; jetzt hält die Mutter nur noch einen Minderheitsanteil von 31 Prozent.

Fast jeder kann einmal wie Siltronic in eine Krise geraten. Aber wie kommt man nach dem Absturz wieder hoch? Gibt es Muster oder gar eine Blaupause für eine erfolgreiche Neuausrichtung?

Diesen Fragen ist die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) nachgegangen. Aus 159 deutschen Akiengesellschaften, die mehr als eine halbe Milliarde Euro umsetzen, haben die Consultants zehn sogenannte Comeback Kids herausgefiltert (siehe Grafik rechts). Diese Unternehmen zeigen im Zeitraum zwischen 2010 und 2016 durchweg jene V-Kurven, die Restrukturierer und Aktionäre ins Schwärmen geraten lassen: Umsatz und/ oder Gewinn rutschen zunächst rasant ab, erklimmen dann aber ebenso schnell wieder alte oder sogar neue Höhen.

"Solche Turnarounds gelingen nur, wenn man bei den ersten Krisenanzeichen handelt", sagt Studienautor Ralf Moldenhauer, Partner und Managing Director bei BCG in Frankfurt. "Aussitzen verschlimmert die Misere."

Selbst in wirtschaftlich guten Jahren wie diesen lauert die nächste Pleite immer eine Ecke weiter. Air Berlin Börsen-Chart zeigen etwa trudelt durch die Luftfahrtgeschichte, weil wechselnde Chefs das Geschäftsmodell nie grundlegend infrage gestellt haben. Lieber verließen sie sich auf massive Finanzspritzen von Großaktionär Etihad. Da dem nun allmählich das Geld ausgeht, dürfte die Airline bald von den Anzeigetafeln der Flughäfen verschwinden. Sie wird wohl in der Lufthansa und deren Tochter Eurowings aufgehen.

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