Montag, 11. Dezember 2017

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Neuer Zeitgeist bei Luxusuhren-Herstellern Wie die Uhrenbranche mit Traditionen bricht

Luxusuhren: Durch die Branche weht ein neuer Zeitgeist
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Fred Merz / lundi13

In der feinen Branche werden reihenweise CEOs ausgetauscht und Traditionen abgeräumt. Durch den Verkauf von Breitling an den Finanzinvestor CVC nimmt der Wettbewerb deutlich an Härte zu.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 10/2017 des manager magazins, die Ende September erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Die Bombe platzte an einem Donnerstag im Juli: Johann Rupert, Konzernpräsident von Richemont, hat eine Unterredung mit Georges Kern. Die beiden kennen sich seit 16 Jahren, haben ein enges Vertrauensverhältnis. Erst im April hob der Patriarch den 52-jährigen Kern, lange Chef der Richemont-Marke IWC, in den Adelsstand der Genfer Konzernführung - als Kommandeur des neu geschaffenen Bataillons seiner acht Luxusuhrenlabels. Doch der "Head of Watchmaking, Marketing and Digital" reicht bei dem Gespräch seine Kündigung ein. Nach nur vier Monaten. Und nicht nur das. Er teilt Rupert mit, dass er Anteile beim Wettbewerber Breitling übernimmt und dort als neuer CEO einsteigt.

Viel schlimmer hätte es für Rupert nicht kommen können. "Er hat Kern sofort von allem freigestellt", erzählt ein Richemont-Manager, der Patriarch sei "menschlich enorm enttäuscht". Der Abgang tut auch geschäftlich weh. Wegen der Branchenkrise steckt der zweitgrößte Luxusgüterkonzern der Welt mitten in einer weitreichenden Umstrukturierung, in der Kern eine maßgebliche Rolle spielte. Zudem weiß er genau, was A. Lange & Söhne, IWC, Jaeger-LeCoultre oder Vacheron Constantin an Neuheiten planen.

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Rupert informiert nach dem Treffen sofort das Topmanagement sowie die einzelnen Marken-CEOs. "Die hat er zu absolutem Stillschweigen verdonnert", erinnert sich ein Beteiligter. Einen Tag später, am 14. Juli, dann die knappe Pressemitteilung: Kern tritt mit sofortiger Wirkung von allen Ämtern zurück.

Während die Öffentlichkeit an diesem Tag offiziell vom "Kernexit" erfährt, sitzt der Ausreißer schon mit seiner neuen Mannschaft zusammen, ganz diskret in einem Hotel. Die teilnehmenden Breitling-Manager ahnen zunächst von nichts, bis Kern ihnen seine Ideen vorträgt, was er mit dem auf Piloten- und Sportuhren spezialisierten Hersteller künftig vorhat. "Einige standen sofort auf und verließen den Raum", verrät ein Insider.

Den Paukenschlag orchestriert hat der neue Besitzer von Breitling, CVC Capital Partners. Der Finanzinvestor hatte Ende April 80 Prozent der Schweizer Marke erworben, 20 Prozent verbleiben bei Théodore Schneider, der fortan den Verwaltungsrat anführt. Über mehr als 20 Jahre hinweg leitete Schneider die familieneigene Manufaktur, die geschätzte 400 Millionen Franken im Jahr umsetzt. Teddy, wie ihn Brancheninsider nennen, hätte nicht verkaufen müssen, ihn nervten jedoch die Begehrlichkeiten seiner Halbschwester. Die wollte ihren Mann an verantwortungsvoller Position in der Firma unterbringen, Teddy wollte das verhindern. Jetzt sagt CVC, wo's langgeht.

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