Montag, 20. August 2018

Die eigenen Kaliber der Luxusuhren-Manufakturen Die Mechanik des Erfolgs

Mondphasen, Wippen, Kalender: Was diese Luxusuhren so besonders macht
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Mit der kostspieligen Investition in eigene Kaliber streben immer mehr Topmarken nach Unabhängigkeit und zeigen, was sie wirklich können. Zur Freude der Uhrenfans.

Rolf Studer, Co-Chef der Schweizer Traditionsmarke Oris, legt eine ordentliche Portion trotzigen Stolz in die Präsentation seiner Uhren: hier ein federleichter Chronograf aus Carbonfaser und mit Countdown-Anzeige, da die weltweit erste Automatikuhr mit mechanischem Höhenmesser, dann natürlich die Uhren mit den ersten neuen hauseigenen Werken, den Kalibern 110, 111 und 112, Handaufzug, irren zehn Tagen Gangreserve, nicht linear angezeigt von einem patentierten Mechanismus und mit zweiter Zeitzone. Und, die Business-Watch, Kaliber 113, mit Kalenderwochenanzeige, auf der Uhrenmesse in Basel Anfang des Jahres ein Knaller.

Bis zur Quarzkrise in den 70er Jahren hatte Oris seine Werke stets selbst entwickelt, danach wurden sie eingekauft beim Branchenriesen Swatch Group. Bis der 2002 verkündete, die Zulieferung von preiswerten und erprobten Rohwerkbausätzen stark zurückzufahren und womöglich sogar ganz einzustellen. Eine industriepolitische Kriegserklärung. Die Schweizer Wettbewerbskommission sprang ein und erwirkte eine bis 2019 gestreckte Lieferverpflichtung.

Im Video - s o klingt eine Uhr für eine Million Euro:

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Bild: Greubel Forsey

Mittlerweile - der Branchenkrise sei es gedankt - hat die Swatch Group ihre harte Linie revidiert. Die Tochterfirma Eta wird die Schweizer Uhrenindustrie selektiv weiter beliefern. Erst kürzlich wurde ein Vertrag mit Richemont bekannt, dem anderen Giganten (Cartier, IWC, Montblanc) - über unbegrenzten Werkenachschub.

Doch die Ankündigung von 2002 hat die feine Branche mächtig durchgeschüttelt und eine ganze Reihe renommierter, vom Lieferentzug bedrohter Marken dazu veranlasst, sich unabhängig von Swatch zu machen und eigene Werke zu entwickeln. Die filigranen Motoren mechanischer Uhren mit ihren Trieben und Hebeln, Federn und Brücken sind heute wieder die Joker im großen Spiel um die Gunst verwöhnter Uhrenfreunde. Wer mit hauseigenen Entwicklungen aufwarten kann, gar noch verfeinert durch technische Finessen, hat beste Chancen, sich selbst gegen große Konzerne behaupten zu können.

Neben Oris sind es vor allem Topmarken wie Breitling oder Chopard, Bucherer oder Nomos, die den mitunter steinigen Weg zu mehr Autonomie gewagt haben - und nun davon profitieren.

Acht eigene Werke habe er inzwischen im Angebot, rechnet Jean-Paul Girardin (58) vor, Vizechef und COO bei Breitling. Der drahtige Ingenieur mit dem blonden Stoppelhaar arbeitet seit 25 Jahren für die Fliegeruhrenmarke und hat diese Entwicklung entscheidend begleitet. Er ließ dafür eigens eine neue Chronométrie am Rande der jurassischen Uhrmacherhochburg La Chaux-de-Fonds erbauen. So konnte er bereits 2009, pünktlich zum 125. Firmenbestehen, das erste eigene, von der Fachwelt bestaunte Säulenrad-Chronografen-Werk B01 mit völlig neuartiger Architektur vorstellen.

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