Montag, 10. Dezember 2018

Luxusreisen Man lebt nur zweimal

Von Heliskiing bis Haitauchen: Das Geschäft mit spektakulären Touren boomt
Jeff Rotman/jeffrotman.com

Der Markt für Luxusreisen boomt. Heliskiing, Haitauchen, auf Schienen die Seidenstraße entlang - wer verkauft die besten Träume? Ein Überblick.

Hamburg - Die verrückteste Reise des Jahres: Südpol, sieben Tage mit sechs Freunden im Eiscamp de luxe, Kitesurfen auf den Polkappen und zu Pinguinen fliegen, die sonst nur Wissenschaftler sehen. Für diesen Auftrag, die Antarktis mal so richtig gemütlich zu machen, mit allem Komfort, bekam die Firma Trufflepig mit Sitz in Toronto und Paris 2013 eine Million Dollar von dem Kunden.

Verrückt? Vielleicht. Aber derzeit schwer in Mode. Nachdem derart kostspielige Reisen in den Krisenjahren 2008 und 2009 kurzzeitig verpönt waren, werden sie jetzt wieder stark nachgefragt. Allein in Deutschland stieg die Zahl der Teurer-als-3000-Euro-Reisen zuletzt um 16 Prozent. Virtuoso, das führende US-Netzwerk mit 9000 Beratern für Luxusreisen weltweit, schätzt: Das Budget derer, die für Urlaub 100.000 Dollar oder mehr im Jahr ausgeben, hat sich seit 2007 verdoppelt, wenn nicht verdreifacht. Nach oben ist noch Luft, viel Luft.

Denn jeder will in dem boomenden Geschäft mitmischen. Amazon startet ab Januar Amazon Travel in den USA und werde das Angebot später weltweit ausrollen, sagen Insider. Amazons Rivale, Chinas E-Commerce-Gigant Alibaba, besitzt seit Oktober Alitrip, ehemals Taobao Travel (mit 10.000 Händlern für Hotels, Flüge, Reisepakete). Oliver Samwer hat mit seinem Rocket Internet die Anbieter Travelbird und Traveloka übernommen, er konzentriert sich neben Europa auf die Märkte in Indien und Indonesien, wo die Mittelschicht rasant wächst.

Im Geschäft mit Luxusreisen paart sich die Aussicht auf Traumrenditen mit der Verwirklichung eines Lebenstraums. Und das lockt reihenweise schräge Vögel an: ehemalige Hedgefondsmanager, Diamantenkönige und Konzernchefs ebenso wie Pleitegeier, Idealisten und Glücksritter, die als muntere Habenichtse mit hochfliegenden Plänen loslegten. Manche sind abgestürzt, andere hat ihre Leidenschaft reich gemacht. Besonders erfolgreich sind jene, die ihrer exquisiten Kundschaft etwas bieten, was die sich sonst nicht kaufen kann.

Ein Fünf-Sterne-Blockhausdorf mitten im Nichts

Grüner Sweater, Jeans, Kinnbart - man sieht Franz Fux (60) den Extremsportler an. Außerdem kommt man in Kanada natürlich lässiger daher. Fux ist Mitgründer der "Bell 2 Lodge", ein Fünf-Sterne-Blockhausdorf mitten im Nichts. 360 Kilometer bis zum Städtchen Smithers und von da noch mal zwei Flugstunden bis Vancouver. Das Nichts hat in diesem Fall einen Namen, und zwar einen der Superlative: Last Frontier Heliskiing, das beste Heliskiing-Gebiet der Welt. Und Fux ist einer der besten seines Fachs.

"Wise owl", weise Eule, nennen ihn die Leute hier. Er ist der Mann fürs Tagesgeschäft, sucht Piloten und Bergführer aus und führt immer noch Touren. Ein Besessener, wie man es für Heliskiing wohl sein muss, was man dem bedächtigen Schweizer nicht gleich anmerkt. Es erschließt sich aus Sätzen wie: "Früher bin ich in jeden Hang reingefahren, egal wie steil, egal wie das Wetter war." Heute sei er da vorsichtiger, räumt Fux ein. Er stammt aus Zermatt, hat Feinmechaniker und Bergführer gelernt. Klettern, Skifahren - das war es, was er immer wollte. Heliskiing, das ist für ihn "die Spitze des Skifahrens". Also ist es nur logisch, dass er jetzt in British Columbia lebt, dem Mekka des Heliskiing.

Vor 40 Jahren blieb Franz Fux in Kanada hängen. Eigentlich wollte er mit seinem Bruder dort nur einen Freund besuchen, dann verlängerten sie die Ferien und fingen an, als Heliskiing-Guides zu arbeiten. "Ich wollte natürlich dableiben", sagt er, alles war vom Feinsten: der Schnee, die Leute und die Lodges.

Fux schlägt sich so durch, bis er irgendwann George Rosset kennenlernt, auch er Schweizer. Dem hatte ein Lawinenführer von einem riesigen Gebiet in den Skeena Mountains erzählt: 9500 Quadratkilometer weiße Wildnis, manche Täler haben nicht einmal Namen. Der Schnee ist so trocken und leicht wie nirgends sonst. "Champagne-Powder" oder "Hero-Snow" nennen sie das magische weiße Pulver. Die Abfahrten sind Abenteuer pur: Sie gehen durch Wälder, Felsen, Gletscherspalten.

Aus der alten Tankstelle wurde ein Luxuslager

Auf dem ganzen Terrain gab es nur eine alte Tankstelle am Bell Irving River. Rosset kaufte sie 1996, samt alleinigem Nutzungsrecht für das gigantische Areal drumherum, und holte Fux dazu, als Mann für den Berg. Im Laufe der Jahre macht er aus der Tankstelle ein Luxuslager für Heliskiing-Touren, mit alpinen Chalets, jedes mit Kamin, stilvoll, aber nicht überkandidelt.

Als die ersten Gäste kamen, war der Schneefall so stark, dass Fux keine Strecke testen konnte: "Jede Abfahrt war auch für uns neu." Mittlerweile fährt ein Felix Neureuther jeden Winter hier Ski, nur zum Spaß. Das Gros der Gäste sind Männer: Ärzte, Börsianer, Hedgefondsmanager. Europäer, Amerikaner, Japaner, Brasilianer. Eine Woche kostet in der Hochsaison 8580 Euro.

Abends sitzt man am Feuer zusammen, zeigt einander Fotos und Videos und ist ganz aufgeregt, weil sich tagsüber im Berg plötzlich ein Riesenloch im Schnee auftat, weil dort ein Grizzly aus seinem Winterschlaf gekrochen war. Oder weil einer auf die Truppe zugerast kam und nur vom Hubschrauber vertrieben werden konnte. Alles schon passiert. Das ist dann Adrenalin pur. So was lieben die Herren.

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