Montag, 16. Juli 2018

Neue Strategie des Lufthansa-Chefs Ausbruch aus dem Getto

Lufthansa: Die Tabubrüche des Chefpiloten Carsten Spohr.
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REUTERS

Tarifpoker, Zweitmarke, neue Machtbalance - Konzernchef Spohr überrollt seine Kritiker mit Tatendrang. Und bandelt mit Erzrivalen an.

(Hinweis der Redaktion: Diese exklusive mm-Analyse der Lufthansa-Strategie wurde erstmals im Dezember 2015 veröffentlicht)

Endlich mal ein freudiger Tag für Carsten Spohr. An einem milden Mittwochmorgen im November kam die Kanzlerin nach Frankfurt, die Lufthansa Börsen-Chart zeigen besuchen. Hausherr Spohr zeigte ihr stolz das neue Kontrollzentrum, dann plauderte Angela Merkel mit Lehrlingen und taufte einen fetten Airbus Group Börsen-Chart zeigen auf den Namen "Deutschland", indem sie Sekt über den Schriftzug auf der Bordwand kippte ("einfach hier rauf, oder?").

Nur für einen Moment wurde es kritisch: Als die Politikerin zur Belegschaft sprach und ihr "kluge Lösungen für alle anstehenden Konflikte" wünschte. Empfindliche Seelen hätten das als einen Seitenhieb auf das Management verstehen können, das von einem Streik zum nächsten schlittert. Spohr aber hielt sein Lächeln. Er ist robust genug, das für ihn Passende rauszuhören. Kluge Lösungen sind doch genau das, was er will; auch wenn viele dagegen sind.

So turbulent wie unter Carsten Spohr (49) war es noch nie bei der Lufthansa. Seit er vor gut anderthalb Jahren als Vorstandschef antrat, gab es 14 Streiks, darunter der Rekordausstand der Flugbegleiter kurz vor der Visite der Kanzlerin - eine Woche flächendeckender Stillstand.

Allerdings hat auch noch keiner die Lufthansa so herausgefordert wie dieser Chefpilot. Sparrunden hatten sie schon viele. Einen Spohr aber noch nie. Der kommt den Lufthanseaten nicht mit Excel-Tabellen. Sondern - weit schlimmer - mit der Grundsatzfrage: Was muss sich ändern, damit die deutsche Nationallinie im globalen Hyperwettbewerb bestehen kann? Praktisch alles, findet Spohr. Also geht er an Leistungen für die Belegschaft, die kein Kunde mehr bezahlen will; setzt neben die stolze, aber teure Marke Lufthansa die Billigplattform Eurowings; pflügt Management und Verwaltung um.

Und das alles bei irritierend aufgeräumter Laune.

Seinen Vorgänger Christoph Franz (55) sah man blass und zerknirscht, wenn er aus einer hitzigen Betriebsversammlung kam. Spohr wirkt nach zwei Stunden im Feuer wie aufgeladen. Der allgemeine Widerstand bestärkt ihn noch. Und treibt ihn jetzt zur nächsten Stufe. Der Lufthansa-Lenker will

  • den Ableger Eurowings schneller als bislang bekannt zu einer Stütze des Konzerns ausbauen;
  • Allianzen auch mit vermeintlichen Erzfeinden knüpfen, um die Stellung in Europa zu sichern;
  • die Führung der Lufthansa radikal vereinfachen -mit mehr Macht für die Spitze denn je.

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