Mittwoch, 19. September 2018

Bikesharing Was hinter dem irren Wettrüsten mit den Leihfahrrädern steckt

 Masse ist Trumpf: Im Südwesten Chinas stehen Leihräder von Ofo an einer U-Bahn-Station. Durch die Masse der Räder wurde Bikesharing dort zum Erfolg. Nun rollt der Angriff in Deutschland.
picture alliance / Zhangshibo/Im
Masse ist Trumpf: Im Südwesten Chinas stehen Leihräder von Ofo an einer U-Bahn-Station. Durch die Masse der Räder wurde Bikesharing dort zum Erfolg. Nun rollt der Angriff in Deutschland.

Die weltweite Invasion der Fahrräder wirkt irrwitzig. Doch dahinter stecken Milliarden Euro - und ein ganz großer Plan.

Die folgende Geschichte stammt aus der Juli-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Juni erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Abonnement.

Der Angriff aus China wird mit einem weißen Kastenwagen ohne Firmenlogo gefahren. Er kurvt durch Berlin, voller gelber Räder mit schwarzem Aufdruck: Ofo. So heißt das Bikesharing-Start-up, das weltweit 32 Millionen Fahrten täglich verbucht - dreimal so viele wie der Fahrdienst Uber. Bislang vor allem in China. Doch das soll sich nun ändern.

Nikos Stathopoulos (30), ein gebürtiger Athener mit Dreitagebart, ist an diesem Morgen aus Amsterdam nach Berlin geflogen und hat sich eine gelbe Warnweste angezogen. Stathopoulos ist "Launcher"; er kümmert sich darum, das Geschäft in neuen Märkten auszurollen. In Paris und Mailand hat er Ofo bereits an den Start gebracht. Nun bremst sein Kastenwagen an einer Kreuzung nahe dem Zoo. Eine Analyse der Daten erster Nutzer zeigt, dass es hier an Rädern mangelt. Stathopoulos springt heraus und wuchtet mit seinem Kollegen drei Ofo-Räder aus dem Lieferwagen. Er drückt das Riegelschloss runter, das Rad piepst. Es ist ausleihbereit.

Ofo ist der Pionier einer neuen Form der Fahrradleihe, die das Geschäft mit dem Nahverkehr in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt hat. Bikesharing war lange die so ökologisch korrekte wie ökonomisch bemitleidenswerte Ausprägung der Sharing Economy. Dominiert wurde das Business von stationsbasierten Anbietern, deren Angebote von den Kommunen subventioniert werden mussten. Investoren winkten gelangweilt ab.

Das ist seit dem Aufstieg von Ofo anders. In das Start-up haben Alibaba, Facebook-Investor DST Global und andere Kapitalgeber in den vergangenen beiden Jahren über 2,2 Milliarden Dollar gepumpt.

Die Verleiher neuen Typs setzen auf Smartphones, billige GPS-Sensoren und Big Data. Anstatt auf wenige Stationen werden die Fahrräder überall in der Stadt verteilt - in einer derart hohen Dichte, dass immer ein Rad in der Nähe ist. Ausleihen lassen sie sich kinderleicht, indem ein QR-Code mit dem Handy gescannt wird. Die Folge: Immer mehr Leute entscheiden sich bei kurzen Strecken fürs Rad - was Uber und seinem chinesischen Rivalen Didi inzwischen schwer zu schaffen macht.

Der Bikeboom hat Didi & Co. kalt erwischt. Die Auslastung des chinesischen Taxidienstes soll in einigen Städten regelrecht eingebrochen sein. 30 Prozent der Radfahrten ersetzen einer Studie zufolge das Taxi. Bei Uber haben sie ausgerechnet, dass in Metropolen wie San Francisco bis zu 40 Prozent der Uber-Buchungen unter vier Kilometer liegen - jenem Bereich also, in dem die Leihräder hauptsächlich genutzt werden. Preislich haben die Fahrdienste gegen die neuen Angreifer keine Chance. Sie sind deutlich billiger.

 Uber-Rad: Uber-CEO Dara Khosrowshahi ist selbst ins Bike-Geschäft eingestiegen, um die neuen Angreifer abzuwehren
Getty Images
Uber-Rad: Uber-CEO Dara Khosrowshahi ist selbst ins Bike-Geschäft eingestiegen, um die neuen Angreifer abzuwehren

Der rasante Aufstieg der Bikesharing-Anbieter hat nur einen Haken: Bislang erwirtschaften weder Ofo noch dessen Rivale Mobike Gewinn. Im Gegenteil: Sie haben bisher - wie Uber - Milliarden verbrannt.

"Das ist eine gigantische Blase, die bald platzt", prophezeit Ralf Kalupner (43), Geschäftsführer von Nextbike. Er ist mit seinen Leihrädern lange vor den Chinesen gestartet und betreibt die von Kommunen gestützten Systeme in Pittsburgh, Berlin oder Dubai. Er sitzt in einer loftartigen Dachetage in Leipzig und spielt ein Video ab, das er vor einigen Monaten in Shenzhen aufgenommen hat. Zu sehen ist, wie Kalupner minutenlang durch eine nicht enden wollende Reihe von Leihrädern strampelt. "Ein gigantisches Überangebot - unmöglich, das profitabel zu betreiben", sagt er. Er berichtet von Rädern, die in den Außenbezirken einfach in Büsche geworfen wurden. "Das ist kein Business, sondern ein ökologisches Desaster."

Ist das Wunschdenken eines Überrannten? Oder hat der Mann recht?

Fest steht: Ofo und Mobike haben die chinesischen Metropolen nachhaltig verändert. "In Blitzgeschwindigkeit", sagt Wharton-Professor Karl Ulrich. In Peking ist die Flotte der Leihräder innerhalb von zwei Jahren auf 2,35 Millionen gewachsen. Ein Fahrrad ist dort "immer nur eine Armlänge" entfernt, schwärmt Ulrich. Und während es noch vor einem Jahr so gut wie keine Radwege gegeben habe, finde man sie inzwischen "praktisch auf jeder Straße".

Losgetreten wurde der Bikeboom an der Universität Peking. Dort baute eine Studentengruppe um Dai Wei von 2014 an den Leihdienst Ofo auf - zunächst nur auf dem Campus. Parallel dazu begann Anfang 2015 das von Ex-Uber-Manager Davis Wang und der Journalistin Hu Weiwei angeführte Mobike mit dem Verleih von Fahrrädern mit GPS-Sender zu experimentieren.

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