Sonntag, 27. Mai 2018

Der Deutschen liebste Geldanlage Deutsche Lebensversicherer - überall Baustellen

Deutsche Lebensversicherer: Überall Baustellen
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DPA; Allianz; Generali

Kaum ein Produkt scheint toxischer als Lebensversicherungspolicen. Bis auf die Allianz wollen alle Konzerne ihre Bestände nur noch loswerden. Dabei haben sie sich das Elend selbst eingebrockt.

Die folgende Geschichte stammt aus der Januar-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Dezember erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Der Mann, den Allianz-Chef Oliver Bäte (52) zum Vorbild für sämtliche Lebensversicherungsgesellschaften der Allianz Börsen-Chart zeigen weltweit erklärt hat, trägt grauen Nadelstreifenanzug zu braunen Schuhen und violetter Krawatte. Er heißt Markus Faulhaber (64) und ist die Nummer eins von Deutschlands erfolgreichstem Lebensversicherer. Hätte der Mathematiker nicht in der Finanzindustrie Karriere gemacht, man würde ihn als Ingenieur oder Entwickler bei Porsche Börsen-Chart zeigen oder Daimler Börsen-Chart zeigen vermuten. Er ist einer dieser Tüftler, die Stuttgart, wo die Allianz Leben seit beinahe 100 Jahren sitzt, reich gemacht haben. Detailversessen, ohne dabei den Blick für das große Ganze zu verlieren. Und verdammt durchsetzungsstark.

"Wir haben rechtzeitig unser Geschäftsmodell umgebaut, sodass uns auch niedrige Zinsen auf Jahre hinaus nichts anhaben können", sagt Faulhaber. Er profitiere sogar davon, dass andere später oder gar nicht reagiert haben. Dass die Sparte ihren guten Lauf vor allem ihm zu verdanken hat, daran lässt er wenig Zweifel.

Faulhaber residiert im sonnigen Westen der Stadt, in halber Hanglage mit bester Aussicht auf den Kessel. Das Anwesen, von dem aus der Lebensversicherungsarm der Allianz ausgreift, hat er an den US-Finanzriesen BlackRock verkauft und wieder zurückgemietet. Warum Kapital in Beton und Steinen einzementieren, wenn es anderswo ertragreicher angelegt werden kann?

Der Lebensversicherer der Allianz wächst und gedeiht in einem Markt, in dem die anderen jammern und klagen. In den vergangenen zehn Jahren ist das Beitragsvolumen um ein Viertel auf über 21 Milliarden Euro gestiegen, der Marktanteil von 16 auf mehr als 21 Prozent angeschwollen. Trotz Nullzinsen auf dem Kapitalmarkt und hoher Garantiezusagen an seine Kunden überweist Faulhaber Jahr für Jahr mehr als 450 Millionen an die Zentrale in München. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Zentralbanken die Zinsen noch zehn Jahre einfrieren sollten, ist vorgesorgt. Dann stehen immer noch mehr als zehn Milliarden Euro Sicherheitsreserven in der Bilanz.

Das sieht bei einigen der großen Konkurrenten anders aus. Schon fünf weitere Jahre auf Nullzinsniveau würden bei unveränderten Bilanzierungsvorschriften reichen, um die Finanzpolster von drei Adressen zu vernichten, die 2015 noch zu den zehn größten Anbietern zählten. Dies zeigen aktuelle Modellrechnungen, die manager magazin vorliegen.

Die Gesellschaften wären verpflichtet, so viel Kapital für ihre Altgarantien aufzubringen, dass sie sich entweder frisches Geld besorgen oder die Versprechen gegenüber ihrer Altklientel senken müssten. Spätestens 2027 könnten bei zwei weiteren der einstigen Top-Ten-Adressen rote Zahlen stehen, wo heute noch Finanzpolster locken.

Längst geht es um mehr als nur die bis zur Jahrtausendwende verkauften und mit üppigen Garantien von 3,5 bis 4 Prozent ausgestatteten Altverträge. Nun müssen die Assekuranzen auch Vorsorge für Policen treffen, die danach auf den Markt kamen und nur mehr 2,75 oder 2,25 Prozent versprachen.

Aus dem Massengeschäft von gestern werden die Altlasten von morgen. Bereits heute schafft rund ein Drittel den Stresstest der Finanzaufsicht nur mithilfe bilanzieller Überbrückungs- und Sonderregeln. Globale Riesen wie die Münchener Rück oder der vom italienischen Triest aus gesteuerte Generali-Konzern würden ihre deutschen Lebensversicherer am liebsten loswerden.

Dabei handelt es sich um einst große Namen wie die Hamburg-Mannheimer, die Victoria (über Ergo Teil der Münchener Rück) oder die Volksfürsorge (bei der Generali Börsen-Chart zeigen eingemeindet). Allesamt früher mit hohen Reserven ausgestattete Schwergewichte. Allesamt von ihren Großaktionären durch eine fatale Kombination aus Kapitalentzug und Missmanagement systematisch ausgezehrt und heruntergewirtschaftet.

Während Anbieter wie die Debeka dank günstiger Kostenstrukturen, geschickter Kapitalanlagepolitik und gut dotierter Reserven noch einige Jahre anständig durchkommen, zeichnet sich das drohende Elend bei der Lebensversicherungstochter des italienischen Generali-Konzerns am deutlichsten ab. Ende September kündigte Deutschland-Statthalter Giovanni Liverani (53) an, die Nummer sieben im Markt für Neukunden dichtzumachen. Die vier Millionen Policen würde er gern verkaufen, notfalls aber auch in Eigenregie abwracken. Es wäre das Finale einer beispiellosen Plünderung, die beinahe zwei Jahrzehnte andauerte.

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