Samstag, 23. Juni 2018

Der Deutschen liebste Geldanlage Deutsche Lebensversicherer - überall Baustellen

Deutsche Lebensversicherer: Überall Baustellen
Fotos
DPA; Allianz; Generali

2. Teil: Giftmüll in den Bilanzen

Als die Italiener kurz vor der Jahrtausendwende die Mehrheit bei dem damals noch als Volksfürsorge firmierenden Unternehmen übernahmen, fanden sie eine zwar wachstumsschwache und wenig effiziente, aber mit hohen Reserven und Kapitalpuffern ausgestattete Organisation vor. Die volle Kasse war hochwillkommen, um die Überkreuzbeteiligung mit der Commerzbank Börsen-Chart zeigen zu finanzieren. Jahrelang hatte die spätere Generali 10 Prozent des Frankfurter Geldinstituts in ihren Büchern. Als sich Italiener und Commerzbank eine Dekade und zwei Börsenkrisen später trennten, waren weit über 90 Prozent des ursprünglichen Kapitaleinsatzes verdampft.

Es war nur der erste einer ganzen Reihe von teuren Fehlgriffen. Wann immer im weiten Reich der Generali irgendwo Finanzgiftmüll anlandete, ein Teil fand immer seinen Weg in die Bücher der deutschen Tochter. Lehman- oder Hybrid-Anleihen der österreichischen Skandalbank Hypo Alpe Adria, dazu massenhaft griechische und italienische Staatspapiere. Obendrauf toxische Abfälle von HSH Nordbank und BayernLB.

Oft genug kamen die Schrottpapiere aus den Beständen der italienischen Großbanken, die seit Jahrzehnten bei der Generali in Triest das Sagen haben. Der Raubbau riss über die Jahre tiefe Löcher in die Bilanz der einstigen Volksfürsorge. Seit Ende 2005 sind die Reserven, gemessen an den Beitragseinnahmen, von über 100 Prozent auf 45 Prozent abgesackt.

Gleichzeitig ließen die Italiener das operative Geschäft schleifen. Vertriebs- und Verwaltungskosten lagen stets weit über den bei der Konkurrenz üblichen Sätzen. Nach und nach wurde der Vertrieb über Banken und Makler ausgedünnt und schließlich eingestellt. Der Marktanteil rutschte von 4,7 Prozent (2006) auf 3,6 Prozent (2016).

Sobald Liverani seinen maroden Lebensversicherer bei einem Finanzinvestor verklappt hat, kann er sich in Triest als Sanierer feiern lassen und seine Konzernkarriere weiter forcieren. Dann sieht obendrein die Konzernbilanz der Italiener auf einen Schlag deutlich freundlicher aus. Die hohen Garantiezusagen der Vergangenheit, die in der Gegenwart über viel Risikokapital abgesichert werden müssen, wären verschwunden, das bislang unproduktiv gebundene Geld frei. Es stünde entweder für Wachstumsinvestitionen zur Verfügung oder könnte an die Anteilseigner ausgeschüttet werden.

Von den deutschen Versicherern hängt keiner so stark dieser kurzfristigen Abart der Shareholder-Value-Ideologie an wie die Münchener Rück. Seit Jahren schüttet der weltgrößte Rückversicherer über Dividenden und Aktienrückkaufprogramme große Teile der Summen aus, die zuvor an Gewinnen eingefahren wurden. Dass sich dies auch in Zeiten erodierender Erträge im Kerngeschäft nicht ändern soll, gehört zu den Überzeugungen des neuen Vorstandschefs Joachim Wenning (52).

Alles, was die Ausschüttungsfähigkeit hätte reduzieren können, kam im Sommer auf den Prüfstand - so auch die sechs Millionen Lebenspolicen, die der Konzern über seine 100-Prozent-Beteiligung am Düsseldorfer Ergo-Konzern hält. Dahinter stecken Traditionsversicherer, die früher als Victoria und Hamburg-Mannheimer firmierten. Drei Milliarden Euro frei werdendes Risikokapital, hat Finanzchef Jörg Schneider (59) ausgerechnet, ließen sich durch den Verkauf generieren.

Ab Ende September standen die Altlasten tatsächlich im Schaufenster. Dass die Konzernmutter jahrelang Kapital abgezogen und nicht einmal das Nötigste in die Infrastruktur der Ergo investiert hatte, interessiert in München niemanden mehr. Genauso wenig, dass Ergo-Chef Markus Rieß (51) nur wenige Monate davor verkündet hatte, die Verträge als Basis für eine eigene Abwicklungsplattform zu nutzen, über die auch Konkurrenten ihre Altpolicen in den Run-off hätten schicken können.

Der Konzern startete einen formalen Verkaufsprozess, man erhoffte sich Verkaufserlöse in Höhe von zwei Milliarden Euro. Doch bei eineinhalb Milliarden hörten die Gebote leider auf. Hätte es einen dezidierten Due-Diligence-Prozess gegeben, wären sie wohl noch geringer ausgefallen. Ende November ließ der Konzern dann per Ad-hoc-Mitteilung wissen, dass der Verkauf derzeit gestoppt sei.

Dass die Vorstellungen so weit auseinanderklafften, hat viel mit der maroden IT-Struktur der Ergo zu tun. Die Systeme sind oft außerstande, die korrekten Auszahlungssummen zu berechnen. Der Konzern steht deshalb unter verschärfter Beobachtung der Finanzaufsicht, muss jeden Monat über den Fortschritt der Reparaturarbeiten berichten. Auch wenn es vorangeht (erst seit dem Sommer tauchen weniger Fehlermeldungen auf, als abgearbeitet werden können), sind hohe Investitionen nötig.

© manager magazin 1/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH