Montag, 11. Dezember 2017

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CEOs und ihre Schicksalsschläge Wie es weitergehen kann, wenn es weitergehen muss

Schicksalsschläge: The job must go on
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DPA

Schwäche zeigen gilt in Chefetagen nach wie vor als Tabu. Nur was ist, wenn die Mächtigen aus der Bahn geworfen werden, sei es durch Unfall oder Krankheit? Dann greift das Prinzip Darwins.

Die Geschichte klingt irre: Ein Münchener Immobilienentwickler, der zu mehreren Monaten Haft wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Der seine Strafe auch absaß - und es mit großem Aufwand hinbekam, das Ganze zu vertuschen. Alles andere hätte sein Ende als Big Player der Boomtown bedeutet.

Der Mann startete ein gigantisches Täuschungsmanöver: Er beantragte, seine Strafe in Frankfurt abzusitzen, weil es dort, im Gegensatz zu Bayern, schon ab dem ersten Tag die Möglichkeit gibt, Freigänger zu sein. Das Gericht gab seinem Antrag statt.

So begann das wohl schrägste Pendlerleben der Republik: Jeden Morgen kurz nach fünf stieg der Häftling vor dem Gefängnistor ins Taxi (es holte ihn immer derselbe Fahrer ab), fuhr zum Flughafen und nahm den Flieger nach München. Abends das Gleiche zurück. Aktentasche, Laptop und Smartphone durften nicht mit ins Gefängnis, das alles deponierte er im Kofferraum seines Mercedes 500, unweit der Haftanstalt. Gepäckaufbewahrung mal anders.

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Es ist ein Leben unter Dauerstrom - und in ständiger Angst. Ein verpasster Flieger, nur ein einziges Mal Verspätung - und Schluss mit Freigang. Manchmal brachte er den Wärtern eine Pizza mit, um sie bei Laune zu halten.

Oberstes Ziel: The show must go on. Business as usual. Dass der eine oder andere Millionendeal im Taxi besiegelt wurde, bevor der Mann wieder in seiner Zelle verschwand, ist heute nur noch ein lustiges Detail. Die große Darbietung ist gelungen, die Fassade blieb unbeschädigt. Bis heute weiß außer den Justizbehörden nur die Ehefrau, was Sache war; der Sohn, damals als Student im Ausland, schon nicht mehr.

Der Fall des Münchener Immobilienmanagers ist das kuriose Extrem eines Verhaltenskodex, dem sich die deutsche Business Society unterworfen hat: tarnen, täuschen, durchbeißen, so tun, als ob nichts wäre. Schicksalsschläge und Krankheiten sind auf der Chefetage tabu. Krebs, Infarkt, Burn-out, Depression, das alles mag zum Leben gehören. Aber nicht in den Lebenslauf. Das Diktum: Egal, wie dick es kommt - Life, und noch wichtiger, Work must go on.

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