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04.04.2016  CEOs und ihre Schicksalsschläge

Wie es weitergehen kann, wenn es weitergehen muss

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Schwäche zeigen gilt in Chefetagen nach wie vor als Tabu. Nur was ist, wenn die Mächtigen aus der Bahn geworfen werden, sei es durch Unfall oder Krankheit? Dann greift das Prinzip Darwins.

Die Geschichte klingt irre: Ein Münchener Immobilienentwickler, der zu mehreren Monaten Haft wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Der seine Strafe auch absaß - und es mit großem Aufwand hinbekam, das Ganze zu vertuschen. Alles andere hätte sein Ende als Big Player der Boomtown bedeutet.

Der Mann startete ein gigantisches Täuschungsmanöver: Er beantragte, seine Strafe in Frankfurt abzusitzen, weil es dort, im Gegensatz zu Bayern, schon ab dem ersten Tag die Möglichkeit gibt, Freigänger zu sein. Das Gericht gab seinem Antrag statt.

So begann das wohl schrägste Pendlerleben der Republik: Jeden Morgen kurz nach fünf stieg der Häftling vor dem Gefängnistor ins Taxi (es holte ihn immer derselbe Fahrer ab), fuhr zum Flughafen und nahm den Flieger nach München. Abends das Gleiche zurück. Aktentasche, Laptop und Smartphone durften nicht mit ins Gefängnis, das alles deponierte er im Kofferraum seines Mercedes 500, unweit der Haftanstalt. Gepäckaufbewahrung mal anders.

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Es ist ein Leben unter Dauerstrom - und in ständiger Angst. Ein verpasster Flieger, nur ein einziges Mal Verspätung - und Schluss mit Freigang. Manchmal brachte er den Wärtern eine Pizza mit, um sie bei Laune zu halten.

Oberstes Ziel: The show must go on. Business as usual. Dass der eine oder andere Millionendeal im Taxi besiegelt wurde, bevor der Mann wieder in seiner Zelle verschwand, ist heute nur noch ein lustiges Detail. Die große Darbietung ist gelungen, die Fassade blieb unbeschädigt. Bis heute weiß außer den Justizbehörden nur die Ehefrau, was Sache war; der Sohn, damals als Student im Ausland, schon nicht mehr.

Der Fall des Münchener Immobilienmanagers ist das kuriose Extrem eines Verhaltenskodex, dem sich die deutsche Business Society unterworfen hat: tarnen, täuschen, durchbeißen, so tun, als ob nichts wäre. Schicksalsschläge und Krankheiten sind auf der Chefetage tabu. Krebs, Infarkt, Burn-out, Depression, das alles mag zum Leben gehören. Aber nicht in den Lebenslauf. Das Diktum: Egal, wie dick es kommt - Life, und noch wichtiger, Work must go on.

Die Wirtschaftswelt mag mittlerweile von der Generation Y unterwandert sein, mit ihrem fast libidinösen Verhältnis zur Work-Life-Balance. Arbeitswut bis zum Exzess ist nicht mehr salonfähig. Ehrgeiz um jeden Preis - degoutant.

Doch ganz oben in der Pyramide funktioniert die Welt noch immer nach den alten Regeln, dort herrscht das Dogma: Das Bild der Macht darf keine Kratzer bekommen. Der CEO geriert sich in Zeiten des permanenten Self-Trackings mehr denn je als asketisch und sportlich, schwach darf auf der Teppichetage allenfalls die Assistentin werden, ob des Leistungspensums ihres Chefs. Wer krank ist oder sonst wie aus der Bahn geworfen wird, muss damit rechnen, geächtet und aussortiert zu werden. Der Rivale lauert schon. Elite-Darwinismus vom Feinsten.

Nur die wenigsten trauen sich, zu ihrer Schwäche zu stehen oder sie gar offen zu zeigen, so wie in Amerika. Hierzulande wird in der Regel vertuscht und verdrängt, so lange es eben geht.

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Das gilt für die erfolgreiche Unternehmerin, die nach der Krebsdiagnose ein mühsames Versteckspiel anfängt und schon vor der ersten Chemo eine Auswahl blonder Perücken bereitliegen hat. Weil sie aufgewachsen ist "mit der Maxime, dass Krankheit Charaktersache ist".

Das gilt für einen in seiner Macht unangefochten Regenten wie den Münchener Verleger Hubert Burda. Als dem heute 76-Jährigen 2013 eine Krebserkrankung attestiert wurde, hielt er die Nachricht streng unter Verschluss; obwohl kein Aktienkurs hätte abrutschen können (das Unternehmen ist zu 100 Prozent in Familienhand) und obwohl die von ihm und seiner Ex-Frau gegründete Stiftung, die den Namen seines an Krebs verstorbenen Sohnes Felix trägt, dazu aufruft, das Thema (Darm-)Krebs aus der Tabuzone zu holen.

Das gilt auch für einen wie Daimler-Chef Dieter Zetsche, der vor gut sechs Jahren einfach weitermachte, als seine Frau Gisela ihrem Krebsleiden erlag. "Man kann kein Sabbatical nehmen", suchte Zetsche im Gespräch mit einem Reporter der "Süddeutschen Zeitung" nach einer höheren Befehlsinstanz. "Sie können sagen, ich bin fremdbestimmt. Ich komme morgens ins Büro und sage, wie heiße ich, was habe ich zu tun?"

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Einfach weitermachen: Daimler-Chef Zetsche mit seiner Ehefrau Gisela, die vor sechs Jahren an Krebs starb

Gattin Gisela sei eine "extrem starke Frau" gewesen, "sehr selbstständig und unglaublich mutig. Insofern hat sie diesen Kampf mit sich selbst ausgetragen." Der unbedingte Wille, auch in persönlichen Extremsituationen keinen Millimeter Territoriumsverlust zu riskieren, zeichnet die Wirtschaftsobrigkeit aus. Getrieben von der Angst, ein Konkurrent könnte bereits in den Startlöchern stehen und die Schwäche nutzen.

Nicht ganz zu Unrecht: Wer aus der Welt der Vorstandsetagen erst mal rausgeflogen ist, kommt an die Leistungselite oft nur noch per Grußkarte heran. Ob in der Oper, im Nobelrestaurant oder in der Businesslounge des Bundesligavereins - die Aussortierten werden gemieden. Martin Winterkorn, als VW-Chef viele Jahre lang die Nummer eins unter Deutschlands Topmanagern, spürt dies derzeit besonders. Wenn er auf der Tribüne des FC Bayern sitzt, will kaum einer etwas von ihm wissen.

Ein norddeutscher Ex-Vorstand, der einen Gehirnschlag erlitt, sich rasch erholte und trotzdem als nicht mehr vermittelbar gilt, sagt heute: "Wenn du keine Heldenstory zu bieten hast, dann halte dich lieber bedeckt." Der Grandseigneur unter den Personalberatern, Hermann Sendele, kann das nur bestätigen. Er weiß von "einem Heer von Gestürzten da draußen, über die niemand mehr spricht und die in Isolation leben".

Pech für die, die sich nicht verstecken können

Sendele musste selbst einen furchtbaren Schicksalsschlag verkraften. Während er auf Dienstreise war, drangen Einbrecher in sein Haus ein. Seine Frau erlitt einen Herzstillstand, er fand sie tot auf dem Küchenboden. "Das lässt einen nie mehr los", sagt Sendele. Seither reagiere er auf Ungerechtigkeiten und Schicksalsschläge, die anderen widerfahren, viel empfindlicher.

Andrea Och, Hamburger Coach für die Probanden der Führungsetage, hat festgestellt, dass es sich bei der Besetzung von Toppositionen nur um die eine Frage dreht: Wie reagiert jemand unter Druck? Deckt die Spurensicherung der Macht bei einem Kandidaten den Verdacht auf Burn-out, Depression oder Krankheit auf, muss der sich gar nicht erst vorstellen.

Pech für diejenigen, die keine Chance auf das Versteckspiel haben. Die es in aller Öffentlichkeit trifft. Jüngster und spektakulärster Fall, und zwar wortwörtlich: BMW-Chef Harald Krüger, der im September 2015 bei der Internationalen Automobil-Ausstellung vor laufenden Kameras zusammenbrach und von der Bühne geführt werden musste. Kreislaufschwäche.

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Zusammenbruch vor laufender Kamera: Der Super-GAU für einen Auto-CEO

Effizienter hätte der Super-GAU fürs Image gar nicht inszeniert werden können. BMW, Luxus, Geschwindigkeit, Premium - und dann liegt der, der das alles verkörpern soll, wie ein Häufchen Elend am Boden. Schwer, ein solches Bild, das sich in die Gehirne eingebrannt hat, zu überblenden.

Nicht nur Krüger erwischte es coram publico. Heidelberger-Druckmaschinen-Chef Gerold Linzbach erkrankte im Frühjahr 2015 (woran genau, will er bis heute nicht sagen) kurz vor der Bilanzpressekonferenz, auf der er erste Erfolge der Restrukturierung hätte vermelden können. Das Eingeständnis einer längeren Krankheit war nicht zu vermeiden. Seit Januar sitzt Linzbach wieder am Platz.

Der Prominentenanwalt Matthias Prinz, von dem Insider behaupten, Volkswagen-Patriarch Ferdinand Piëch hätte den Machtkampf gegen Martin Winterkorn nie verloren, wäre sein Berater Prinz einsatzfähig gewesen, erlebte sein persönliches Drama im Herbst 2014, als er beim Joggen an der Alster einen Herzstillstand erlitt. Mit derselben Hartnäckigkeit, mit der er seine Fälle angeht, beißt er sich jetzt durch die Reha, täglich drei Stunden Physiotherapie, viel Schwimmen. Sein Oberkörper sieht nun aus wie der von Arnold Schwarzenegger, dank Krafttraining. Prinz witzelt, er habe sich seine gesamte Garderobe neu schneidern lassen müssen.

Die Karten müssen auf den Tisch

Er arbeitet schon wieder wie eh und je, nimmt trotz Rollstuhl morgens den ersten Flieger nach Stuttgart zum Porsche-Prozess, berät die Mächtigen der Wirtschaftsrepublik und, unfassbar, kitet im Thailand-Urlaub. Der Starjurist glaubt fest daran, dass er schon bald wieder gehen kann. Einen anderen Gedanken lässt er gar nicht zu.

Auch BMW-Großaktionärin Susanne Klatten hatte keine Chance, ihre Affäre mit dem Gigolo und Erpresser Helg Sgarbi zu vertuschen. Sie ging durch die Hölle des Boulevards, unlängst wurde ihre Geschichte sogar verfilmt.

Verlust des guten Namens? Sich verkriechen? Oder ein Befreiungsschlag? Klatten widerspricht nicht der Behauptung, dass es gerade der Skandal war, der sie zur Flucht nach vorn gezwungen hat, ihr zum Durchbruch verhalf. "Das mag schon sein", kommentiert sie knapp. Sie wollte und musste allen beweisen, dass da noch eine andere in ihr steckt, die entschlossene Unternehmerin. Immer mehr fiel auf, mit welcher Zielstrebigkeit und Härte sie auftreten konnte. Bei ihrer Beteiligung SGL Carbon beispielsweise, wo sie zur Oberaufseherin aufstieg und einen neuen Chef einforderte. Mindestens so beherzt ist ihr Engagement für junge Start-ups, die sich unter dem Dach des Inkubators Unternehmer TUM versammeln.

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Eroberte sich die Deutungshoheit über ihr Leben zurück: Susanne Klatten, hier mit Ehemann Jan

Das Selbstbewusstsein, Großes erreicht zu haben, schreibt der ehemalige Topmanager Philippe Pozzo di Borgo, nähre ein Gefühl der Allmacht, der Unsterblichkeit gar. Wie tief der Sturz der scheinbar Unbesiegbaren sein kann, erlebte er dann selbst. Auf der Jagd nach dem ultimativen Kick brach er sich beim Gleitschirmfliegen das Genick und war fortan vom Hals abwärts gelähmt. Dem großen Publikum ist er bekannt als der Protagonist in "Ziemlich beste Freunde".

Wie wird man als Überflieger fertig mit solch einer Vollbremsung? Dass darüber in den Chefetagen nachgedacht wird, zeigt die ständig steigende Zahl der Krisencoaches. Deren Rat ist so einleuchtend wie banal: "In einer Krise müssen die Karten auf den Tisch, das erleichtert ungemein", sagt etwa Tamara Dietl, Witwe des Verstorbenen Kultregisseurs Helmut Dietl. Es gebe drei Muster, wie mit Schicksalsschlägen umgegangen werde: Man macht weiter wie bisher, man zerbricht daran, oder man wächst an der Erfahrung.

Karten auf den Tisch, sagen, was Sache ist, Flucht nach vorn - so läuft es zumeist in Amerika, jenem Land, in dem die Gesundheits-Check-up-Ergebnisse des Präsidenten so bedeutend sind wie der jährliche Bericht zur Lage der Nation. Doch selbst wenn die Wirtschaftselite freizügiger mit ihren Diagnosen umgeht, heißt das nicht, dass sie deshalb kürzertritt. Gerade in den USA hält man sich in aller Härte an das Motto: Work must go on.

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Abdel Sellou (rechts) und Philippe Pozzo di Borgo: Auf ihrer Geschichte und dem Buch von Philippe Pozzo di Borgo basiert der Kinoerfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde".

Ungeheure Kraft aus schlimmen Erfahrungen

Jamie Dimon, Chef von J. P. Morgan Chase, bekannte sich 2014 zu seinem Kehlkopfkrebs, dachte jedoch nicht daran, deshalb den Topjob bei der Investmentbank aufzugeben. Kaum genesen, ließ er auch diese Nachricht sogleich in die Welt verschicken. Ebenso hielt es der Goldman-Sachs-Vordere Lloyd Blankfein. Mit der persönlichen Mitteilung, er sei an Lymphdrüsenkrebs erkrankt und unterziehe sich einer Chemotherapie, verband er in gewohnter Manier die Ankündigung, er erwarte, bald wieder geheilt zu sein. In einem Fernsehinterview verglich er die 600 Stunden Chemo in formvollendeter Kriegslyrik mit "Napalm".

Facebook-Vorstand Sheryl Sandberg ließ die Öffentlichkeit auf nahezu rührende Weise an ihrer Trauer teilhaben, als Gatte Dave Goldberg tot vom Laufband fiel. Immer wieder postete sie ihre Gedanken und Versuche, mit alldem fertig zu werden. War sie schon vor dem Schicksalsschlag das sympathische Gesicht des Social-Media-Konzerns, ist sie seither zur Ikone avanciert.

Bei Bill McDermott, dem Vorstandsvorsitzenden des Softwarekonzerns SAP, dauerte es eine Weile, bis er mit seiner Notoperation herausrückte. Nachdem die monatelange Abwesenheit des Amerikaners zu Gerüchten geführt hatte, wurde das Drama indes offensiv inszeniert. "Ich bin noch am Leben, und das ist nach so einem Unfall keine Selbstverständlichkeit", erklärte McDermott in einem Zeitungsinterview.

Gegenüber manager magazin sagt er: "Medizinisch betrachtet habe ich mein linkes Auge verloren. Aber ich habe gelernt, dass der wahre Blick viel weitergeht, als das, was wir unmittelbar sehen." Und um jedweden Zweifel an seiner Geschäftstüchtigkeit auszumerzen, betont er, aus dieser Erfahrung sei ihm eine ungeheure Kraft erwachsen. Damit werde er SAP "besser machen".

Diese Taktik, mit einer schlechten Botschaft offensiv umzugehen und so die Deutungshoheit zu behalten, hat hierzulande bisher noch wenig Nachahmer. Zuletzt tat dies ein prominenter Banker. Ulrich Schröder, Chef der KfW-Bankengruppe, informierte den Verwaltungsrat, als die Ärzte bei ihm ein Lymphom diagnostizierten. Die Sitzung, erzählen Beteiligte, soll sehr emotional gewesen sein. Nicht nur weil den Vorsitz Finanzminister Wolfgang Schäuble führte, selbst ein vom Schicksal Gezeichneter.

Anschließend schrieb Schröder einen Brief an die Mitarbeiter, erläuterte: "Ich werde mich in den nächsten Monaten einer Chemotherapie unterziehen." Er benannte seinen Stellvertreter für die Zeit seiner Abwesenheit und ließ keinen Zweifel an seinem Führungsanspruch. Ein angeschlagener Chef, gewiss, aber einer, der sich darauf verstand, ein Momentum zu kreieren, in dem das Eingeständnis von Schwäche zur Stärke wird. Mittlerweile wurde sogar sein Vertrag verlängert.

Eine Art Caitlyn Jenner des schwäbischen Mittelstands

Ein Outing der ganz besonderen Art lief vor gut einem Jahr bei der Schweizer Electronic AG im konservativen württembergischen Schramberg ab. CEO Marc Schweizer, der die Familienfirma in sechster Generation führt, trat nach gut sieben Jahren an der Spitze vor die Belegschaft und erklärte, er habe seinen Körper seiner Identität angepasst und wolle künftig als Frau leben. Im Januar 2015 dann die offizielle Mitteilung: "Laut Beschluss des Amtsgerichts Berlin ist Dr. Marc Schweizer ab sofort als dem weiblichen Geschlecht zugehörig anzusehen mit dem Namen Maren Schweizer." Eine Art Caitlyn Jenner des schwäbischen Mittelstands.

In einer E-Mail an das manager magazin erläutert Maren Schweizer: "Die letzten beiden Jahre waren reich an Erfahrungen ... und sind in der Retrospektive trotz und aufgrund der vielen Herausforderungen wie im Fluge vergangen. Gemeinsam mit meiner Frau, meinen Kindern, Familie, Freunden, unseren Mitarbeitern und meinem beruflichen Umfeld sind wir durch einen großen Veränderungsprozess für alle gegangen, der viele Dimensionen hatte und hat. Offenheit hat dabei Nähe und Verbindung erzeugt."

Auch Ulrike Detmers, BWL-Professorin und geschäftsführende Gesellschafterin der "Lifestyle-Bäckerei" Mestemacher, die alljährlich einen Preis für die "Managerin des Jahres" auslobt, kennt das Paradigma "Die Meute will starke Leitwölfe" - und pfiff drauf. Als sie einen Knoten in der Brust ertastete, der sich als Krebs erwies, verkündete sie dies in der Gütersloher Lokalpresse. "Ich will mich nicht verstecken." Neun Monate lang unterzog sie sich einer Chemotherapie, in ihrem Büro stand derweil eine Liege.

Einer, der von sich behauptet, er sei am Elend gewachsen, ist Stefan Jacoby, bis 2012 Chef des schwedischen Autobauers Volvo Cars. Jacoby lief Marathon, ließ sich regelmäßig durchchecken, hielt seinen Körper instand.

Dann das: Ausgerechnet an einem dieser seltenen Abende, an denen er Zeit für die Familie hatte, schläft sein rechter Arm ein, ihm wird schlecht. Eindeutige Signale. Eigentlich. Aber Jacoby reagiert "männlich", wie er es nennt, verdrängt die Alarmzeichen. Die ganze Nacht. Am Morgen dann in der Notaufnahme die Diagnose: Schlaganfall. Und die wertvollen ersten Stunden zum Gegensteuern habe er vergeudet, so der Arzt.

Jacoby hört's - und auch nicht. Kaum hat er Gelegenheit, ruft er seine Sekretärin an. Sie solle den Flug zur Peking Motor Show umbuchen. "Dann flieg ich halt einen Tag später", so viel gesteht er seinem lädierten Body zu, der bis dahin lief wie eine Hochleistungsmaschine.

Aus einem Tag wurden neun Monate

Aus dem einen Tag wurden dann neun Monate, so lange dauerte es, bis er seinen Körper zurückerobert hatte. Gelähmt an Händen und Füßen, fing er ganz klein wieder an: Bauklötzchen aufeinanderlegen, mit dem Rollator 100 Meter den Krankenhausflur rauf und runter, das war seine neue Leistungswelt. Den Chefposten war er schnell los.

Seither sind gut drei Jahre vergangen. Nach vielen Frustrationen, in denen eine Rückkehr in die Welt der Topshots unmöglich schien, ist Stefan Jacoby wieder ganz oben, im Vorstand von General Motors.

Sein altes Leben will er trotzdem nicht zurück. Er verbringe jetzt mehr Zeit mit der Familie, sagt er, mache regelmäßig Pausen, so verrückte Dinge wie Yoga, nehme sich nicht mehr so wichtig und müsse nicht mehr überall dabei sein. Allein, dass Jacoby überhaupt über seine Geschichte redet, darf in Corporate Germany als souveräne Ausnahmeleistung verbucht werden. Insofern gilt vor allem für das Aufarbeiten von Unglücken: Work must go on.

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