Montag, 11. Dezember 2017

Alle Artikel und Hintergründe

CEOs und ihre Schicksalsschläge Wie es weitergehen kann, wenn es weitergehen muss

Schicksalsschläge: The job must go on
Fotos
DPA

6. Teil: Bloß nicht auch noch die Deutungshoheit verlieren

Gegenüber manager magazin sagt er: "Medizinisch betrachtet habe ich mein linkes Auge verloren. Aber ich habe gelernt, dass der wahre Blick viel weitergeht, als das, was wir unmittelbar sehen." Und um jedweden Zweifel an seiner Geschäftstüchtigkeit auszumerzen, betont er, aus dieser Erfahrung sei ihm eine ungeheure Kraft erwachsen. Damit werde er SAP "besser machen".

Diese Taktik, mit einer schlechten Botschaft offensiv umzugehen und so die Deutungshoheit zu behalten, hat hierzulande bisher noch wenig Nachahmer. Zuletzt tat dies ein prominenter Banker. Ulrich Schröder, Chef der KfW-Bankengruppe, informierte den Verwaltungsrat, als die Ärzte bei ihm ein Lymphom diagnostizierten. Die Sitzung, erzählen Beteiligte, soll sehr emotional gewesen sein. Nicht nur weil den Vorsitz Finanzminister Wolfgang Schäuble führte, selbst ein vom Schicksal Gezeichneter.

Anschließend schrieb Schröder einen Brief an die Mitarbeiter, erläuterte: "Ich werde mich in den nächsten Monaten einer Chemotherapie unterziehen." Er benannte seinen Stellvertreter für die Zeit seiner Abwesenheit und ließ keinen Zweifel an seinem Führungsanspruch. Ein angeschlagener Chef, gewiss, aber einer, der sich darauf verstand, ein Momentum zu kreieren, in dem das Eingeständnis von Schwäche zur Stärke wird. Mittlerweile wurde sogar sein Vertrag verlängert.

Eine Art Caitlyn Jenner des schwäbischen Mittelstands

Ein Outing der ganz besonderen Art lief vor gut einem Jahr bei der Schweizer Electronic AG im konservativen württembergischen Schramberg ab. CEO Marc Schweizer, der die Familienfirma in sechster Generation führt, trat nach gut sieben Jahren an der Spitze vor die Belegschaft und erklärte, er habe seinen Körper seiner Identität angepasst und wolle künftig als Frau leben. Im Januar 2015 dann die offizielle Mitteilung: "Laut Beschluss des Amtsgerichts Berlin ist Dr. Marc Schweizer ab sofort als dem weiblichen Geschlecht zugehörig anzusehen mit dem Namen Maren Schweizer." Eine Art Caitlyn Jenner des schwäbischen Mittelstands.

Die Meute will starke
Leitwölfe"

In einer E-Mail an das manager magazin erläutert Maren Schweizer: "Die letzten beiden Jahre waren reich an Erfahrungen ... und sind in der Retrospektive trotz und aufgrund der vielen Herausforderungen wie im Fluge vergangen. Gemeinsam mit meiner Frau, meinen Kindern, Familie, Freunden, unseren Mitarbeitern und meinem beruflichen Umfeld sind wir durch einen großen Veränderungsprozess für alle gegangen, der viele Dimensionen hatte und hat. Offenheit hat dabei Nähe und Verbindung erzeugt."

Auch Ulrike Detmers, BWL-Professorin und geschäftsführende Gesellschafterin der "Lifestyle-Bäckerei" Mestemacher, die alljährlich einen Preis für die "Managerin des Jahres" auslobt, kennt das Paradigma "Die Meute will starke Leitwölfe" - und pfiff drauf. Als sie einen Knoten in der Brust ertastete, der sich als Krebs erwies, verkündete sie dies in der Gütersloher Lokalpresse. "Ich will mich nicht verstecken." Neun Monate lang unterzog sie sich einer Chemotherapie, in ihrem Büro stand derweil eine Liege.

© manager magazin 3/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH