Donnerstag, 23. November 2017

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Druck auf Konzern-Konglomerate groß wie nie Was bleibt von der stolzen deutschen Industrie?

Konzerne: Schneiden, Spalten, Schließen
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DPA

Der Druck des Kapitalmarktes auf Konglomerate war noch nie so groß. Was bleibt von der stolzen deutschen Industrie?

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 7/2017 des manager magazins, die Ende Juni erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Auf seinen Reisen von Wirtschaftsforum zu Wirtschaftsforum (Durban, St. Petersburg) und von Staatsbesuch zu Staatsbesuch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (Washington, Dschidda, Buenos Aires) erlebt Joe Kaeser (60) eine freundliche, ihm zugewandte Welt. Am 3. Mai indes wurde seit Längerem mal wieder weniger gelächelt. Bevor der Siemens-Chef von München gen Südafrika abhob, musste er sich in der Konzernzentrale am Wittelsbacher Platz einer hitzigen Diskussion mit seinen Aufsichtsräten stellen.

Erst hakten Betriebsratschefin Birgit Steinborn (55) und IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner (48) nach, ob Kaeser Siemens Börsen-Chart zeigen tatsächlich in eine Holding umbauen wolle und was er an weiteren Ausgliederungen plane. Siemens müsse ein integrierter Stammhauskonzern bleiben, forderten die Arbeitnehmervertreter.

Den beiden sprangen zwei Größen der Deutschland AG bei: Werner Wenning (70; Bayer Börsen-Chart zeigen) und Norbert Reithofer (61; BMW Börsen-Chart zeigen). Beide mahnten, Siemens dürfe sich nicht zu sehr von den Kapitalmärkten treiben lassen.

Kaeser wiegelte ab, so ist es überliefert. Eine Holding sei nie geplant gewesen, beruhigte der Siemens-CEO seine besorgten Kontrolleure. Es gehe allein darum, "unterschiedliche Geschäfte unterschiedlich zu führen": die einen als Konzernsparten, andere wie den frisch fusionierten Windanlagenbauer Siemens Gamesa als an der Börse gelistete Töchter, an denen der Konzern die Mehrheit hält.

Von Letzteren indes kann sich Kaeser künftig noch einige mehr vorstellen, die Medizintechniksparte zum Beispiel. Auch die Verhandlungen mit dem kanadischen Bombardier-Konzern über eine Zusammenlegung der Zugsparten zeigen, dass klassisches Siemens-Geschäft aus dem Konzern herausdrängt. Und Gespräche mit Japans Mitsubishi Börsen-Chart zeigen über eine Kooperation bei großen Gasturbinen (oder mehr) laufen auch noch.

Die Holdingüberlegungen mögen also zurückgestellt sein, de facto läuft derzeit vieles auf eine solche Konstellation zu. Der Trend hin zu weiteren Ausgliederungen scheint unausweichlich. "Wir werden bestimmt nicht die sein, die als letztes Konglomerat der Welt das Licht ausmachen", hat Kaeser seinen Aktionären schon vor Monaten zugerufen.

Der Druck kommt vor allem vom Kapitalmarkt, wo Konglomerate so verschrien sind wie lange nicht mehr. Als Verstärker wirken aktivistische Hedgefonds aus den USA, die in Europa zunehmend Fuß fassen. Analysten der Barclays Bank Börsen-Chart zeigen beschrieben kürzlich britisch-lapidar, was viele Investoren denken: "Konglomerate scheitern in der Regel, Zerschlagungen funktionieren in der Regel" ("conglomerats usually fail and break-ups usually work").

"Pure Plays" sind die Lieblinge der Börse - je reiner und je größer, desto profitabler und desto beliebter.

Diese Welle unterspült längst auch Deutschlands Großkonzerne. Überall wird abgespalten und ausgegliedert, neu gebündelt und fusioniert und dann wieder abgetrennt, als gäbe es kein Morgen mehr.

  • Deutschlands größte Energieversorger RWE Börsen-Chart zeigen und Eon Börsen-Chart zeigen splitteten sich jeweils in einen Teil für konventionelle Stromerzeugung und für "grünen" Strom aus erneuerbaren Energien. Den Investoren reicht das nicht, sie fordern weitere Abspaltungen.
  • Bayer Börsen-Chart zeigen brachte nach dem erfolgreichen Lanxess-Spin-off die restliche Chemie unter dem Namen Covestro an die Börse, galt damit aber als zu klein für den Weltmarkt. Und trat mit der Übernahme des Agrochemiekonzerns Monsanto Börsen-Chart zeigen die Flucht nach vorn an.
  • ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen verhandelt seit Monaten mit dem indischen Tata-Konzern darüber, sein europäisches Stahlgeschäft auszugliedern und mit dem des Konkurrenten zusammenzulegen.
  • Der weltweit zweitgrößte Gasekonzern Linde Börsen-Chart zeigen will unter das Dach des kleineren, aber profitableren US-Rivalen Praxair schlüpfen, um so die Weltmarktführerschaft von der französischen Air Liquide zurückzuerobern.
  • Selbst der Daimler-Konzern liebäugelt mit der Einführung einer Holding für seine Autos und Trucks; die Idee liegt quasi fertig in Finanzchef Bodo Uebbers (57) Strategiemäppchen.

Warum entfaltet der Turbokapitalismus ausgerechnet jetzt, in ökonomisch guten Zeiten, so viel Wucht? Und wie wird er die Topografie der deutschen Wirtschaft verändern?

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