Montag, 25. Juli 2016

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Wo die Schaefflers, Quandts und Porsches überwintern Kitzbühel - die Winterhauptstadt der deutschen Wirtschaft

Heimliche Wirtschaftshauptstadt Kitzbühel: Wer hier so alles wohnt
Fotos
Kitzbühel Tourismus / Andreas Tischler

Hahnenkamm und Hüttenzauber, CEOs und Start-up-Gurus, Sex, Lügen und kleine Sabotagen - ein Report aus der Winterhauptstadt der deutschen Wirtschaft.

Franz Beckenbauer ist raus. Ausgerechnet er, der sich als einer der ersten deutschen Promis Richtung Kitzbühel aufmachte, hat jetzt, Schock für seine zahlreichen Freunde dort, seinen historischen Bauernhof im Kaiserweg in Oberndorf verkauft - für 9,5 Millionen Euro. Gattin Heidi hätte, so der Talk of the Town, endgültig keine Lust mehr, auf Schritt und Tritt der allseits geschätzten Ex Sybille zu begegnen.

Mag hinzugekommen sein, dass auch der Zeitpunkt für einen solchen Deal nicht ungünstig war: Ab Januar 2016 steigen in Österreich die Steuern auf Immobilienverkäufe von 25 auf 30 Prozent und auch die Grunderwerbsteuer bei Schenkungen. Ausnahmsweise war es mal kein Deutscher, der den Zuschlag erhielt, sondern ein Einheimischer. Also: Sold. Verkauft.

Eine, die dagegen von dem Alle-sind-da in Kitzbühel nicht genug bekommen kann, ist Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann. Die Herzogenauracher Unternehmerin ließ sich schon Ende der 90er Jahre ein stattliches Anwesen gen Bichlalm bauen. Sohn Georg bekam später ebenfalls eins. Jüngst sicherte sich die zweitreichste Frau Deutschlands zudem die sogenannte Schlosswiese, das beste Filetstück vom Goldenen Kitzbüheler Immobilienkalb: 8000 Quadratmeter Bauland, Sonnenlage, fantastischer Blick über den Ort. Preis: 23 Millionen Euro.

Man darf also davon ausgehen, dass die Schaefflerin beabsichtigt, sich auch künftig regelmäßig in Kitzbühel zu zeigen. Genauso wie die Quandt-Klattens, Porsches, Dibelius', Birkenstocks, Faber-Castells, Heinritzis und wie sie alle heißen.

Der kleine Ort in einem unwegsamen Tiroler Tal, wo früher Bergbauern ihr Vieh auf die Almen trieben, ist zur Teilzeithauptstadt der deutschen Wirtschaft geworden - vor allem zwischen Weihnachten und Ostern, aber auch in den schneelosen Monaten davor und danach. An keinem Fleckchen weltweit konzentriert sich mehr Geldmacht made in Germany als in Kitzbühel, Austria. Wer elitemäßig à jour sein will unter den hiesigen Wirtschaftsvorderen, der hat in Kitzbühel einen Wanderrucksack gelagert, ein paar Skier, Golfschläger samt Dirndl und Janker, vorzugsweise in der eigenen Villa, wenigstens aber in einer prestigeträchtigen Wohnung.

Wo Blessing, Samwer, Lürssen und Rorsted aufeinander treffen

Industrielle und Finanzer, Manager und Unternehmer, Südländer und Nordlichter, Millionäre und Milliardäre, Altreiche, Neureiche, Jungreiche - reihenweise erliegen sie dem Karma Kitzbühels: ob Carl-Peter Forster, einst aufgeweckter Opel-Chef und heute bei der London Taxi Company, oder der amtsmüde Commerzbank-Recke Martin Blessing, ob Pharmaunternehmer Willi Beier oder Peter-Alexander Wacker vom gleichnamigen Chemiekonzern oder, so ist immer häufiger zu hören, Oliver Samwer.

Man trifft Luxuswerftbesitzer Peter Lürssen, Henkel-Chef Kasper Rorsted sowie Adidas-CEO Herbert Hainer (der dann bei Susanne Porsche wohnt). Und selbst in Hamburg bucht Ex-Gruner-&-Jahr-Chef Bernd Kundrun, nunmehr einer der Gründerväter der Start-up-Republik, regelmäßig Easyjet Richtung Salzburg, steigt dort ins Mietauto und ist schneller in seiner Berghütte am Wilden Kaiser als auf Sylt. Sagt er.

Und wenn sie dann erst da sind auf dem "Bühel" (was "Hügel" bedeutet), kennt die Verzückung keine Grenzen mehr. Filmproduzentin Susanne Porsche schwärmt hollywoodreif vom "herrlich romantischen Ort". Vor fünf Jahren ist sie hier mit einem Wohn- und Firmensitz aufgeschlagen, einsam oben auf dem Berg. Nirgendwo sonst könne sie so kreativ sein.

Im Preis von sechs Millionen Euro für Haus, Hallenbad und 1000 Quadratmeter Grund waren Bärenfell und Hirschgeweihlüster inbegriffen. Mark Wössner, ehedem Bertelsmann-Chef, findet: "Wer in München lebt, muss ein Haus in Kitzbühel haben." Der Ort sei schließlich "die Attraktion von Greater Munich". Und die österreichische Oberkaste ist sowieso da, die Muhrs (Wall-Street-Großbanker, allerlei Immobilien), die Swarovskis (allerlei Kristallzeug), die Riedels (edles Glaswerk).

Knotenpunkt Kitzbühel. Wie das geht, ganz ohne eigene Flugpiste wie etwa in St. Moritz? Durch eine geschliffene Premiumstrategie, die darin besteht, die Richtigen reinzulassen, ihnen Nervenkitzel zu bieten ebenso wie Gaumenschmaus und Hüttenromantik, und das Ganze in einem dörflichen Umfeld, in dem jeder jeden kennen darf, ihm aber nicht hinterhergaffen muss, weil man sich, ein paar Millionen oder Aufsichtsratsmandate hin oder her, vom gleichen Stamme wähnt. Das entspannt kolossal.

Der Nobelort versteht sich als Unternehmen, das seine Premiummarke sorgsam verteidigt. Natürlich hilft da ein Mythos als Markenkern ungemein. Der Mythos von Kitzbühel heißt Streif, jenes halsbrecherische Skirennen über 3312 Meter den Hahnenkamm hinab ins Tal. Die wohl berüchtigtste Skipiste der Welt. Maximales Gefälle: 85 Prozent. Ein Wahnsinn, und damit gerade kitzelig genug für all jene Wirtschaftsgrößen, die sich ohne das Kribbeln der ständigen Gefahr - die Globalisierung, die Konkurrenz, die Wechselkurse, die Großkunden, der Aufsichtsratschef, die Ehefrau ... - nicht mehr lebendig fühlen.

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