Dienstag, 25. September 2018

Achten Sie auf: Jordan Peterson Der Vorzeige-Intellektuelle der Neuen Rechten und Anti-Feministen

imago/ZUMA Press

Der kanadische Psychologe zieht gegen all jene zu Felde, für die das weiße Patriarchat Quelle allen Übels ist. Wird er damit zum Helden einer neuen Bewegung?

Das folgende Porträt stammt aus der April-Ausgabe 2018 des manager magazins.

Der Mann braucht dringend Urlaub. All die Youtube-Videos, die Talkshowauftritte und Campusdiskussionen hinterlassen Spuren. Auf Twitter verwechselte er neulich zum Erstaunen seiner Follower die Zeitzonen, als er ihnen signierte Bücher versprach, wenn sie in der Londoner U-Bahn die Werbetafeln für sein Buch fotografieren. Doch zum Ausspannen hat Jordan Bernt Peterson gerade keine Zeit. Er ist jetzt berühmt, es ist sein Moment, als Nächstes geht er auf Lesereise durch die USA, Kanada und Großbritannien und nimmt ein Hörbuch auf.

Der Professor für klinische Psychologie an der Universität von Toronto, Sohn eines Lehrers aus dem 3000-Seelen-Ort Fairview in Alberta, aufgewachsen unter Trappern, Schulabbrechern und Gelegenheitstrinkern, ist der momentan wohl erfolgreichste Lebenshilfeguru der Onlinewelt (es gibt schon Jordan-Peterson-Diättipps, verfasst von seiner Tochter). Seine Fans sehen ihn als Vorkämpfer gegen überzogene Political Correctness. Peterson-Hasser halten ihn für einen intellektuell verbrämten Propagandisten der Neuen Rechten und Antifeministen.

Seine Youtube-Videos, in denen er stundenlang über die Bibel, antike Mythen und psychologische Fragen referiert, haben ein Millionenpublikum. Sein im Januar erschienenes Buch "12 Rules for Life - an Antidote to Chaos" eroberte auf Anhieb die internationalen Bestsellerlisten und führt in Deutschland die Amazon-Liste der fremdsprachigen Bücher an, und das ohne eine einzige gedruckte Rezension.

In der englischsprachigen Welt läuft die Peterson-Exegese seit Monaten auf Hochtouren. Die konservative britische Wochenzeitung "The Spectator" hofiert den Hochschullehrer als "einen der für viele Jahre wichtigsten Denker auf der Weltbühne". Das Lifestylemagazin "Vice" verachtet ihn als den "berüchtigtsten Intellektuellen Kanadas". An der Universität von Toronto sammeln Studenten Unterschriften für seine Entlassung, bei den Protesten gehen schon mal Fensterscheiben zu Bruch.

Was hat der Mann an sich, dass er derartig polarisiert? In den "12 Rules" zitiert Peterson Nietzsche, das Alte Testament und die Archetypenlehre des Psychoanalytikers C. G. Jung, um seine zentrale Botschaft unters Volk zu bringen: Leben ist Leiden, Glück nicht das Ziel. Der Mensch trägt die Verantwortung dafür, die Welt besser zu machen. Orientierung findet er in universalen Wahrheiten.

Wettbewerb ist für Peterson solch ein universales Prinzip: Siegen sei besser als verlieren. Also "gehe aufrecht, schaue geradeaus, traue dir zu, gefährlich zu sein", rät er in den "12 Rules". Aber auch: "Streichle eine Katze, wenn sie dir auf der Straße begegnet." Und: "Sag die Wahrheit."

Dass 90 Prozent seiner Youtube-Fans Männer sind, hat Peterson anfangs selbst überrascht. Doch um den Selbstwert der Jungs sei es nicht mehr gut bestellt, seit es als erstrebenswert gelte, "Jungs wie Mädchen zu erziehen, um ihnen die Aggressivität zu nehmen". Nun brauchen sie seine Tipps.

Peterson sieht sich als "classic british liberal", seine Feindbilder findet er bei den Linken. In seinem Kosmos geht es reichlich verschwörungstheoretisch zu. Da arbeite eine "radikale, neomarxistische Linke" an der Zerstörung der westlichen Gesellschaften, indem sie menschliche Beziehungen ideologisch verbohrt in ein einziges Schema presse: Unterdrücker und Opfer.

Dabei gelte ausgerechnet die westliche Demokratie, aus Petersons Sicht die beste aller Welten, mit ihrer "großartigen Kultur als Resultat weißer männlicher Unterdrückung". Die ewige Gleichmacherei habe die Universitäten im Griff, die Geisteswissenschaften "korrumpiert" und in einen Schauplatz für "social justice warriors" verwandelt. Von diesen Gerechtigkeitskriegern meint Peterson die Welt befreien zu müssen. Seinen ersten großen Auftritt hatte er 2016 mit dem Widerstand gegen ein kanadisches Gesetz zum Schutz von Transgender-Menschen. Es verpflichtet zum Gebrauch des Personalpronomens, das der Angesprochene hören möchte, sonst macht man sich strafbar. In einer Senatsanhörung sagte Peterson, er werde niemals staatlich verordnete Sprache nutzen; eine solche Regulierung sei totalitär. Fotos zeigen ihn daheim in Toronto vor wandhohen Lenin-Gemälden, er hat Sowjetkunst gesammelt.

Es fällt leicht, den Mann als gefährlichen Sonderling abzutun. Allerdings fallen seine Provokationen auf fruchtbaren Boden. Vielen geht die "sexuelle Paranoia" ("FT") an US-Universitäten inzwischen zu weit. Auch der Furor, mit dem Campusaktivisten allerorten angeblichen Alters- oder Gender-Rassismus enttarnen, sei völlig überzogen. Professoren, die nicht die ideologische Linie treffen, müssen damit rechnen, dass ihre Vorträge verhindert werden. Das Argument: Solche Inhalte würden Zuhörer unter psychologischen Stress setzen, was gleichbedeutend sei mit körperlicher Gewalt. Heikle Bücher werden mit Warnaufklebern ("Trigger Warnings") versehen. Das Magazin "The Atlantic" lästerte bereits über die "Verhätschelung des amerikanischen Verstands".

Es gehört zu Petersons Faszinationskraft, dass er seine Anklagen gegen die Political Correctness meist in moderatem Plauderton vorzutragen weiß. Die freundliche Coolness, die er in einem TV-Interview mit der Reporterin Cathy Newman auf Channel 4 unter Beweis stellte, machte ihn im Netz zum Superstar.

Newman bombardierte ihn mit Fragen zur Situation der Frauen in der Arbeitswelt, der Gender Pay Gap etwa. Peterson entgegnete, die Gehaltsunterschiede hätten diverse Ursachen, Geschlecht sei nur eine davon. Als Newman fragte, warum so wenige Frauen in den Vorständen großer Unternehmen sitzen, konterte er, es gebe auch nur wenige Männer, die ihr ganzes Leben dem Streben nach einem Topjob verschreiben. Es sei sinnlos, gleiche Repräsentanz von Frauen und Männern in Führungspositionen zu fordern ("equality of outcome"). Volle Parität gebe es nicht einmal in den skandinavischen Musterländern. Nach dem Interview erhielt die aggressiv fragende Reporterin Drohungen, Channel 4 alarmierte den Sicherheitsdienst.

Ist Peterson ein Frauenfeind? Als Psychologe trainiert er Frauen, zumeist Anwältinnen, damit sie durchsetzungsstärker werden. Er schreibt nirgends, dass Frauen keine Karriere machen sollten; er tut aber auch nichts gegen Beifall von der falschen Seite. Ein Twitter-User lobt Peterson als Männerhelden in der "kastrierten Welt von heute". Das "Naturrecht" sei "endlich wieder cool". Es ist anzunehmen, dass ihm solcher Zuspruch gefällt.

© manager magazin 4/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH