Mittwoch, 22. August 2018

Interview mit IG-Metall-Boss Jörg Hofmann "Die deutsche Autoindustrie riskiert ihren Erfolg"

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann: Der mächtigste Gewerkschafter der Republik
Fotos
Gene Glover für manager magazin

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann über das deutsche Versagen bei der Batterieproduktion, Schadensersatz von VW-Pensionär Martin Winterkorn - und seinen Ärger über Siemens-Boss Joe Kaeser.

Das folgende Interview stammt aus der Juni-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Mai erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Herr Hofmann, die Industrie schreibt Rekordgewinne, es herrscht fast Vollbeschäftigung, die Autokonzerne schütten hohe Boni an ihre Mitarbeiter aus. Fragt sich nur, ob das so bleibt trotz Digitalisierung und Elektroschock.

Jörg Hofmann: Jein. Ich bin kein Wahrsager. Es gibt so viele Einflussfaktoren, dass das kaum überschaubar ist. Schon wenn US-Präsident Donald Trump morgen Schutzzölle auf Autos erhebt, sind viele Prognosen infrage gestellt.

Setzen wir voraus, die politischen Bedingungen bleiben in etwa gleich, wir erleben keinen Handelskrieg mit China und den USA ...

... dann haben wir eine gute Chance, dass die Autoindustrie die Brüche durch Digitalisierung und Elektrifizierung überwindet.

Ihre Kollegen in den Betriebsräten sorgen sich wegen der Elektromobilität. Bei einigen Unternehmen sei in der Fertigung und Entwicklung von Motoren und Getrieben jeder zweite Job gefährdet. Angstmacherei?

Nein, aber das hängt sehr stark vom Zeithorizont ab. Grob gerechnet, beschäftigen die deutschen Autohersteller und -zulieferer im Bereich Antriebsstrang 320.000 Menschen. Wenn der Anteil der Elektroautos 2030 bei etwa 25 Prozent liegt und wenn es bei Elektroantrieben nur noch einen Beschäftigten braucht, wo ich beim Verbrenner sieben Beschäftigte benötige, dann bedeutet das, wieder grob geschätzt: Wir benötigen neue Tätigkeiten für knapp 70.000 Mitarbeiter.

Dagegen stehen die Chancen durch neue Geschäftsmodelle.

Das sind meistens ganz andere Tätigkeiten; das hilft den betroffenen Ingenieuren und den Arbeitern in der Produktion nicht.

Sie haben in einer gemeinsamen Studie mit den großen Herstellern und Zulieferern die Folgen von Digitalisierung und Elektrifizierung analysiert. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Diese Studie soll uns konkretere Zahlen und Szenarien zur Transformation der Branche liefern. Genaue Ergebnisse bekommen wir erst Anfang Juni.

Aber eine Tendenz sehen Sie schon?

Ja. Die Montagewerke bleiben ausgelastet. Aber im Antriebsbereich müssen wir dringend Möglichkeiten finden, diese knapp 70.000 Menschen in zwölf Jahren vernünftig von Tätigkeit A zu Tätigkeit B zu bringen. Da macht sich in den Vorständen leider mancher einen schlanken Fuß.

Die Konzerne erhöhen ihre Investitionen doch beträchtlich.

Sie müssen endlich auch verstärkt in ihre Mitarbeiter investieren. Sie müssen die Beschäftigten weiterbilden, ihnen berufliche Neuorientierung ermöglichen, Personalentwicklung nicht nur für Führungskräfte betreiben; kurzum: ihre Mannschaft auf die Transformation vorbereiten. Aber offenbar zählen nur die Absatzzahlen. Die Unternehmen produzieren am Anschlag; welcher Vorgesetzte genehmigt seinen Leuten gerade jetzt eine Auszeit für Fortbildung?

Es bleiben noch ein paar Jahre.

Zwölf Jahre sind etwa ein Viertel eines Arbeitslebens. Das können Sie nicht zwischen den Generationen ausschwitzen und über Vorruhestand und Altersteilzeit aussteuern. Wir brauchen eine berufliche Neuorientierung. Ein zweiwöchiger Computerkurs bringt da nichts. Aus einem Lackierer muss zum Beispiel jemand werden, der mit digitaler Prozesstechnik eine große Lackierstraße steuert.

Und das soll wer bezahlen?

Zuerst einmal sehe ich die Unternehmen in der Verantwortung. Die Mitarbeiter sind ihr zentrales Kapital. Die Vorstände müssen die sozialen Kosten des Wandels in ihre Kalkulationen einrechnen.

Daimler kann das vielleicht. Der kleine mittelständische Zulieferer sicher nicht.

Da ist auch der Staat gefordert. Das fängt mit der Beratung durch die Arbeitsagentur an. Und wir müssen unsere arbeitsmarktpolitischen Instrumente anpassen. Zum Beispiel indem die Arbeitsagentur ein Transformationskurzarbeitergeld zahlt und so Auszeiten ermöglicht, in denen sich Mitarbeiter weiterbilden.

Das gibt es schon ...

... es wird aber nicht lang genug gezahlt. Für eine berufliche Neuorientierung benötigt man ein oder sogar zwei Jahre.

Lohnt sich dieser mühsame Umbau noch, wenn alles viel schneller geht? Andere Industrien sind wie aus dem Nichts umgewälzt worden.

Solche Sprunginnovationen haben sich immer über neue Geschäftsmodelle entwickelt. Das lief zu Beginn jenseits der alten Unternehmensstrukturen. In der Autoindustrie, aber auch in anderen Industriebranchen gelten andere Innovationsregeln - wir haben es viel stärker mit physischen Produkten und Produktionsprozessen zu tun. Da können Sie nicht von heute auf morgen zum Beispiel alle Investitionen in Ihre Werke abschreiben.

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