Samstag, 16. Februar 2019

Milliardengeschäft 3D-Druck - Weltmarktführer aus der deutschen Provinz

Industrie 4.0: Nichts ist unmöglich
EOS

2. Teil: Die Euphorie ist angemessen

Der lauteste AM-Evangelist aber ist ein Amerikaner. Anfang Dezember hüpfte Mohammad Ehteshami wie aufgezogen über die Bühne im GE-Forschungszentrum in Garching bei München. In dem Gebäude eröffnete der angeschlagene Industriegigant seinen weltweit ersten Kundenvorführraum für Additive Techniken, und sein wortgewaltiger Vordenker sah darin nicht weniger als "die Offenbarung der Disruption".

Der Markt
ist reif."

Christian thönes, CEO DMG Mori

Weil GE die Kraftstoffdüse für seine Flugzeugtriebwerke in einem Stück drucke, bestehe sie statt aus 20 Teilen nur mehr aus einem, schwärmte der Luftfahrtingenieur. Dazu wiege das Hightechwunder 25 Prozent weniger und sei fünfmal so haltbar wie ein konventionelles Produkt: "Oh mein Gott, das ist großartig und gruselig zugleich."

Beim 3D-Druck passt diese typisch amerikanische Euphorie tatsächlich mal: Die unterschiedlichen AM-Verfahren von Binder Jetting bis Lasersintern leisten wahrhaft Erstaunliches. Quasi aus dem Nichts erschaffen sie Lage für Lage Spektakuläres aus Metall, Kunststoff, Keramik und sogar organischen Substanzen. So gelingen Verteiler für Hydraulikanlagen ohne störungsanfällige Dichtungen, künstlich gewachsene Fassaden und Herzen.

Gedruckte Produkte gehören längst zum Alltag. Millionen per Lasersinterverfahren hergestellte Zahnimplantate und Dentalkronen lassen Menschen wieder kraftvoll zubeißen, Hunderttausende Brillenträger erfreuen sich an ihren selbst designten Gestellen. Adidas lässt in seiner Speedfactory die Innensohlen von Laufschuhen ausdrucken, Airbus Gurtschlösser - was Millionen Liter Kerosin spart.

Weil AM Daten direkt in Formen verwandelt, sind der Fantasie der Konstrukteure kaum mehr Grenzen gesetzt. Von maßgefertigter Mode über Pizza und Ersatzorgane bis hin zu ganzen Häusern - dank 3D-Druck könnte selbst der Replikator aus "Raumschiff Enterprise" real werden.

In der "Produktion 5.0", sagt Robert Laube vom IT-Beratungshaus Avanade, könnten die Rückmeldungen der Nutzer gleich in die Produkte einfließen. Oder sie geben einer künstlichen Intelligenz nur noch die Anforderungen vor, der Algorithmus schlägt dann diverse Designs vor, und der Kunde wählt, was ihm am besten gefällt.

Ein elektrisierendes Szenario. "Jetzt geht's richtig los mit der Industrialisierung von AM", prognostiziert Michael Süß, Verwaltungsratschef von Oerlikon. 300 Millionen Franken will er bis 2020 in die hauseigene Auftragsfertigung stecken. Die liefert Kunden wie RUAG ultraleichte Halterungen für Satelliten und Autoherstellern optimierte Kolbenköpfe.

Ausgedruckte Ersatzteile, binnen Stunden geliefert

Der Logistiker UPS will aus eigenen Minifabriken an Flughäfen ausgedruckte Ersatzteile binnen Stunden versenden. Siemens stellt mit AM Hochtemperaturschaufeln für seine Gasturbinen sowie Kunststoffteile für Lokomotiven her und dient sich als Druckdienstleister an.

Bis in die tiefste Provinz schallt der AM-Ruf. Der CNC-Dienstleister Franz Mack aus Dornstadt im Alb-Donau-Kreis etwa testet seit Jahren Anlagen unterschiedlicher Hersteller. Er druckt Ersatzteile für Oldtimer oder Herzklappen mit rauer Oberfläche, die schneller im Gewebe anwachsen. Der Unternehmer verzeichnet ein stark zunehmendes Interesse seiner Mittelstandsklientel.

So enorm die Vorteile des 3D-Drucks - noch erfordert er jede Menge aufwendige Nacharbeit. Die Werkstücke müssen mühsam von einer Grundplatte abgelöst, geschliffen und poliert werden. Mack bombardiert deshalb seinen Lieferanten Christian Thönes mit immer neuen Anforderungen. Der CEO von DMG Mori soll ihm Maschinen liefern, die vollautomatisch drucken und denen nie das Pulver ausgeht.

Thönes durchmisst im Sturmschritt seine Vorführfabrik und rattert die Vorzüge seiner 3D-Printer herunter: Materialvielfalt, Pulvertausch in weniger als zwei Stunden, durchgängige Software von Design bis Endprodukt, Integration mit den hauseigenen Dreh- und Fräsanlagen mittels Robo-2-Go-Transporter.

In diesem Jahr will der Kölner rund 100 AM-Maschinen verkaufen. Die Zielmarke liegt bei 1000 Stück pro Jahr - zu Preisen von 400.000 bis eine Million Euro. Das sei gut zu schaffen: "Der additive Markt ist reif. All unsere 150.000 Kunden könnten die Technik nutzen."

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