Dienstag, 11. Dezember 2018

Schöpfer eines Weltkonzerns: Heinz Hermann Thiele Der Besessene

Dirk Bruniecki für manager magazin

Er hat den Weltkonzern Knorr-Bremse geschaffen und dafür seine Gesundheit geopfert. Rastlos ist er geblieben.

Heinz Hermann Thiele (76), Eigentümer der Münchener Knorr-Bremse AG, schließt keine Kompromisse. Entweder er setzt sich durch - auch gegen die härtesten Widersacher - oder er tritt den Rückzug an.

Bislang hat der Multimilliardär die meisten Auseinandersetzungen gewonnen. Nur vor zwei Jahren stand er einmal auf der Verliererseite. Als Präsidiumsmitglied des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft plädierte er vehement für die Abschaffung der EU-Sanktionen gegen Russland. Man überhörte sein Mahnen, das Gremium nahm nach Thieles Dafürhalten gegenüber der deutschen Regierung zu spät und nicht eindeutig genug Stellung. Thiele reagierte harsch: Ende 2015 verließ er den Ausschuss.

Die Niederlage nach achtjährigem Einsatz wurmt den Unternehmer bis heute. Seit Dekaden macht er Geschäfte im Osten. Er kennt Wladimir Putin persönlich und nennt ihn "vielleicht keinen lupenreinen Demokraten, aber einen sehr fähigen Politiker", was man an der positiven wirtschaftlichen Entwicklung der letzten zwei Jahre erkennen könne. Thiele setzt auf die Zusammenarbeit mit dem Präsidenten: "Wir brauchen die Aussöhnung mit Russland, sonst gibt es keine nachhaltige Friedensordnung in Europa."

Thiele lässt nie locker. Nicht, wenn es um Russland geht, und erst recht nicht in seinem eigenen Reich, bei Knorr-Bremse.

"Das Unternehmerleben ist ein unvermeidlicher, immerwährender Kampf", sagt er bei seiner Dankesrede anlässlich der Aufnahme in die Hall of Fame.

Der Selfmademan ist bekannt für seine Härte. Wer nicht liefert, fliegt. Reihenweise hat er Führungskräfte ziehen lassen.

Rein formal bekleidet Thiele seit 2016 keine Ämter mehr bei Knorr, er ist nur noch Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates. De facto aber bestimmt er nach wie vor die Strategie, mischt sich auch in Detailfragen ein, egal ob es um Qualitätsprobleme oder Personalia geht.

Kritik an seiner Omnipotenz und dem erbarmungslosen Umgang mit Mitarbeitern weist Thiele zurück. Der Aufstieg von Knorr zum Weltmarkt- und Technologieführer für Zug- und Lkw-Bremsen ist ihm zu verdanken. "Ich bin voll ins Risiko gegangen", sagt der Unternehmer. Da sei es doch normal, dass er sich für den Erhalt seines Lebenswerks einsetze.

Kurz nach seinem zweiten Staatsexamen heuert der Jurist als Sachbearbeiter in der Patentabteilung bei Knorr an, 15 Jahre später wird er Knorr-Chef und kauft sich Stück für Stück in den Konzern ein. Alfred Herrhausen, damals Vorstandssprecher der Deutschen Bank, sichert ihm per Handschlag finanzielle Unterstützung zu. Gleichwohl hat Thiele große Angst vorm Scheitern, denn er besitzt "nichts außer einem nicht abbezahlten Haus".

1989 gehört ihm die marode Firma komplett. Ihre Zukunft ist völlig offen, niemand weiß, ob der Hersteller überhaupt noch saniert werden kann.

Doch Thiele schafft die Wende. Er erkennt frühzeitig den Zwang zur Globalisierung und holt bereits 1989 einen ersten Großauftrag aus China herein.

Voller Stolz blickt er auf seine "aktive Zeit" zurück, also auf die 30 Jahre, in denen er erst Vorstands- und dann Aufsichtsratsvorsitzender von Knorr war: "Zwischen 1985 und 2015 hat sich der Umsatz verdreißigfacht, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern ist um 20.000 Prozent gestiegen", rechnet Thiele vor.

Für 2017 kalkuliert er mit Erlösen von rund sechs Milliarden Euro, der operative Gewinn (Ebit) soll deutlich über 800 Millionen Euro liegen. 2018 wird noch praller, denn Knorr kauft Firmen en masse. Einer der größten Brocken, den sich Thiele vorgenommen hatte: der schwedische Hersteller von Luftfederungen und Bremssystemen, Haldex.

Um das Unternehmen lieferte sich Thiele ein Bietergefecht mit dem Friedrichshafener Automobilzulieferer ZF. Das Haldex-Management sprach sich explizit gegen Knorr-Bremse aus, die Schlacht schien verloren. Doch mit Heinz Hermann Thiele muss man auch noch rechnen, wenn schon alles entschieden scheint. Er legte auf das satte ZF-Gebot von 120 Kronen pro Haldex-Aktie noch mal fünf Kronen drauf und zog die Aktionäre auf seine Seite.

Rund 580 Millionen Euro hätte die Firma gekostet - am Ende aber blies Thiele doch zum Rückzug: Das Haldex-Management sträubte sich gegen die Angreifer, da war selbst dem alten Haudegen die Atmosphäre zu feindlich.

Für seinen Einsatz zahlt Thiele insbesondere in der Anfangszeit "einen hohen Preis". Rastlos reist er durch die Welt, bis zu 170 Tage pro Jahr ist er unterwegs. Seine Frau sieht er kaum, die Ehe geht kaputt. "Nur ein Besessener tut sich so etwas an", sagt Thiele, "das kann ich niemanden empfehlen."

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