Montag, 10. Dezember 2018

Handtaschenexpertin Rachel Koffsky "Männer sind Impulskäufer"

 TASCHENRECHNERIN Rachel Koffsky studierte an der Eliteuni Johns Hopkins. Sie war Katalogspezialistin in Museen. Seit zwei Jahren kuratiert sie die Taschenkollektionen bei Christie's.
Uschka Pittroff für manager magazin
TASCHENRECHNERIN Rachel Koffsky studierte an der Eliteuni Johns Hopkins. Sie war Katalogspezialistin in Museen. Seit zwei Jahren kuratiert sie die Taschenkollektionen bei Christie's.

Christie's-Expertin Rachel Koffsky über das Geheimnis wertvoller Handtaschen.

Sie kam von Connecticut über New York vor einem Jahr nach London: Rachel Koffsky jagt für das Auktionshaus Christie's nach Sammlerhandtaschen. Damit hat die 27-Jährige ein neues Investmentsegment im Bereich Mode aufgetan. Wir treffen sie in Hamburg, wo sie zuvor im kleinen Kreis einen Vortrag über Fakten und Fakes hielt.

Sie sind von Beruf Handtaschenexpertin. Wie wird man das?

Eigentlich bin ich Mathematikerin mit einem zweiten Master in Kunstgeschichte. Weil mich Zahlenjonglieren begeistert, landete ich aber nicht im Museum, sondern bei Christie's. Dort kann ich beide Berufsfelder verbinden. Zu den Handtaschen kam ich aus Leidenschaft.

Wie viele Taschen haben Sie?

Ich hatte jede Menge. Bei meinem Umzug von New York nach London vor einem Jahr habe ich dann ausgemistet und nur fünf umgesiedelt: Eine Céline-Tote-Bag für den Tag, eine Fendi "Holdall" fürs Wochenende, eine Vintage-Wildlederclutch von Hermès zum Ausgehen, eine schwarze "Caviar 2.55" von Chanel für Soirées. Und eine Brieftasche von Louis Vuitton, in die der Pass passt, für die ständigen Flugreisen.

Ihr Favorit?

Die Chanel. Die erste, die ich mir selbst gekauft habe, 2012 für 3800 Dollar in New York. Ich rechtfertigte den Erwerb damit, dass mir doppelte Payback-Punkte auf meiner Kreditkarte gutgeschrieben wurden.

Christie's hat zuletzt zwei "Himalaya Birkin"-Bags mit Goldverschlüssen und 205 Diamanten für 338.000 Euro versteigert. Ist da jemand übergeschnappt?

Die "Himalaya" ist eine Rarität. Mir sind nur drei weltweit bekannt. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

Trotzdem, finden Sie das noch angemessen?

Die Tasche ist der Gipfel. Krokoleder mit einem Farbverlauf von schneeweiß bis steingrau herzustellen ist eine Meisterleistung, extrem aufwendig. Ich habe die dritte gerade in London versteigert.

Luxusindex: Eine Handtasche für 100.000 Euro

Für?

183.950 Euro. In Europa ist das Rekord. Manchmal wünsche ich mir eine Zeitmaschine. 1988 ging die erste Kroko-"Kelly" für 209 Pfund weg. Heute kommt der Zweitmarkt für Luxustaschen auf einen Umsatz von 29,6 Millionen Euro allein bei Auktionen, ohne die kommerziellen Läden und Secondhand-Plattformen im Netz.

Was treibt diesen Boom?

Die erste Tasche aus der Sammlung Coco Chanel steht heute im Smithsonian. Das zeigt die verschiedenen Bedeutungen einer Tasche: Im Museum ist sie Artefakt, bei Chanel ein Testat ihres Genies, im Kleiderschrank einer Frau wird sie zum Alltagsgegenstand, für Sammler ist sie ein Kunstwerk.

Raumwunder: Das alles passt in eine Chanel-Bag

Man spricht ja heute lieber von der Statement-Bag als von der Handtasche.

Das ist ein bisschen prätentiös, aber nicht ganz falsch: Eine Handtasche sagt viel aus über Persönlichkeit, Stil, Kaufkraft und Selbstvertrauen der Trägerin. Und weil sie quasi die Verlängerung des Arms darstellt, fällt sie als Erstes ins Auge.

Wer investiert bei Auktionen in Handtaschen - hauptsächlich Frauen oder auch Männer?

Bei Uhren und Schmuck sind bis zu 75 Prozent der Käufer Männer. Bei Taschen ist es noch umgekehrt, die sind Frauendomäne. Noch.

Ändert sich das?

Neben den professionellen Händlern mischen auch immer mehr andere Männer mit. Die kriegen über ihre Frauen mit, welch großes Erlöspotenzial in Taschen steckt. Und das törnt sie an.

Zu welchen Marken würden Sie raten, abgesehen von Hermès und Chanel?

Definitiv alle limitierten, nummerierten Designereditionen. Je exklusiver, desto besser. Ich setze auf die Kunstedition der "Lady Di" von Dior und die "Dionysus" von Gucci. Gerade haben wir einen Rucksack von Louis Vuitton-Supreme versteigert, für 13.000 Dollar. Der Verkäufer hat 100 Prozent Marge erzielt.

Ist das Kaufverhalten bei Frauen und Männern unterschiedlich?

Lustigerweise sind Männer eher Impulskäufer! Frauen recherchieren genauer und überlegen, wie welches Stück zu ihrer Garderobe passt.

Es kursieren Zahlen, dass Frauen im Schnitt 76 Tage ihres Lebens in ihrer Handtasche rumwühlen.

Das glaube ich sofort! Ich fingere ständig darin herum, weil ich paranoid bin in meiner Angst, etwas vergessen zu haben.

Wie können Männer ohne Handtasche überleben?

Ehrlich gesagt: Es ist mir ein Rätsel.

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