Montag, 25. Juli 2016

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Vereinigtes Königreich Boom Britannia

Boom Britannia: Großbritanniens Wirtschaft brummt
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AFP / Haringly Council

Aggressiv treiben die Regierung und die Notenbank in Großbritannien die Industrialisierung voran. Die Wirtschaft brummt - doch wie lange noch?

Hamburg - Wolfgang Ziebart (64) hat schon diverse Karrierestationen durchlaufen. Er war Vorstand beim Autobauer BMW Börsen-Chart zeigen, Vize beim Reifenkonzern Continental Börsen-Chart zeigen und Chef des Chipherstellers Infineon Börsen-Chart zeigen. Eigentlich könnte er sich langsam in den Ruhestand verabschieden. Stattdessen sitzt Ziebart an einem milden Frühlingsabend Ende April im "Queen and Castle", einem Pub in den britischen Midlands unweit von Birmingham.

Ein geschichtsträchtiger Ort. Im benachbarten Kenilworth Castle, gebaut im 12. Jahrhundert, machten die Könige Britanniens Station auf ihren Reisen durchs Land. Auch Ziebart hat Gefallen gefunden an der Insel. Eine Aufbruchstimmung, wie sie hier zurzeit herrsche, habe er noch nicht erlebt, sagt er.

Seit August arbeitet der deutsche Ingenieur als Technikvorstand bei Jaguar Land Rover. Die Automarken sind heiß begehrt, auf einen neuen Range Rover müssen die Kunden mittlerweile fast ein Jahr warten. Entsprechend eilig hat es Ziebart, die Kapazitäten auszuweiten. Gegenwind von den britischen Behörden muss er nicht fürchten, im Gegenteil. In nahezu keinem anderen Land der EU, hat die Weltbank errechnet, arbeitet die Bürokratie effizienter. "Wenn wir Probleme mit der Infrastruktur haben, werden diese von den lokalen Behörden wesentlich schneller und unbürokratischer gelöst als anderswo", erzählt Ziebart bei Salat und Wasser - draußen wartet sein Jaguar F-Type. "Wir können alles umsetzen, was wir uns vorstellen."

Und diese Freiheit beschränkt sich nicht nur auf den Automobilsektor. Britannia is back - und wie. Um 2,9 Prozent soll die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs in diesem Jahr zulegen - abgesehen von China wächst derzeit keine andere große Industrienation schneller. Die Stimmung im britischen Gewerbe ist so gut wie zuletzt beim Antritt von Margaret Thatcher als Parteichefin Mitte der 70er.

Viele Unternehmen bauen ihre Produktion auf der Insel kräftig aus

In den Bankentürmen der Londoner City sowieso. Aber auch die längst totgesagte britische Industrie ist so lebendig wie lange nicht. Die Orderbücher sind voll, angelockt von einer aggressiven Finanz- und Geldpolitik der britischen Regierung und Notenbank, bauen viele Unternehmen ihre Produktion auf der Insel kräftig aus.

Kann das Land, das einst den Manchesterkapitalismus erfand und dann über Jahrzehnte einen beispiellosen Niedergang seiner industriellen Basis erleben musste, einfach so zu alter Stärke zurückfinden? Oder sind die glänzenden Zahlen nur ein Strohfeuer, angefacht durch steigende Immobilienpreise und eine damit einhergehende größere Kauflust, ein Strohfeuer, das schon im September wieder erlischt, wenn die Schotten über ihre Unabhängigkeit abstimmen und sich vielleicht absetzen?

Dass sich auf der Insel auch jenseits der Londoner Glaspaläste etwas bewegt, ist nicht zu übersehen. Britanniens Stolz sind heute Unternehmen wie ARM. Der Mikrochipdesigner aus Cambridge hat es binnen eines Vierteljahrhunderts von einer Garagenbude zum Weltkonzern gebracht, mit einem Börsenwert von mehr als 20 Milliarden Dollar.

Finanzchef Tim Score (53) ist es gewöhnt, seine Gesprächspartner zu beeindrucken. Wenn der große, schlaksige Manager mit sonorer Stimme die Erfolgsgeschichte von ARM erzählt, reiht er die Highlights derart lässig aneinander, wie es wohl nur ein Brite hinbekommt.

Ursprünglich wollten die zwölf Computerfreaks, die die Firma Advanced Risc Machines 1990 gründeten, einen Billigprozessor für den Gebrauch in Schulen bauen. Die anfangs gemeinsam mit Apple entwickelten Chips waren dann so effektiv, dass sie in den Folgejahren von nahezu allen Handyherstellern eingesetzt wurden. Bis heute nutzen rund 95 Prozent aller Smartphones Technik von ARM. Das Unternehmen, das seine Prozessoren nicht selbst baut, sondern Lizenzen an Chiphersteller wie Infineon Börsen-Chart zeigen vergibt, beschäftigt rund 3000 Mitarbeiter, knapp die Hälfte davon auf einem Areal nahe Cambridge, das eher einem Kreiskrankenhaus ähnelt als einem Softwarehersteller.

Warum Cambridge und nicht San Francisco? "Unsere Zentrale könnte überall auf der Welt sein. Aber Cambridge war für uns immer ein idealer Standort", sagt Score. Die Universitätsstadt biete sowohl top ausgebildete Ingenieure und Softwarespezialisten als auch ein Netzwerk junger Hightechfirmen. Auch Venture Capital ist reichlich vorhanden, das aber hat ARM nie benötigt. Wichtiger war für den Chipentwickler die Zusammenarbeit mit den Behörden. Und die, fügt Score mit britischem Understatement hinzu, sei stets akzeptabel gewesen.

Dass dies so bleibt, dafür sorgen die Masterminds hinter dem Aufschwung: Schatzkanzler George Osborne (43) und Notenbankchef Mark Carney (49).

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