Dienstag, 20. November 2018

Angriff auf die Datenkrake Wie die zunehmende Regulierung Googles Geschäftsmodell bedroht

Ende einer Erfolgsgeschichte? Google wird endlich böse
REUTERS

3. Teil: Google musste nur stillhalten

Dabei ist die Ähnlichkeit des Geschäftsmodells, das auf personalisierten Anzeigen basiert, kaum zu übersehen. Google sammelt sogar deutlich mehr und intimere Nutzerdaten als Facebook. Wie ein großer Bruder, der in Wahrheit die übleren Streiche verübt, konnten sie sich in Mountain View hinter den tollpatschigen Geschwistern vom sozialen Netzwerk verstecken. Google musste nur stillhalten, während sich Facebook um Kopf und Kragen redete.

Als 2017 Details über die üblen Arbeitsbedingungen und die Willkür in Facebooks Löschbüros für Gewalt-, Sex- und Hassinhalte an die Öffentlichkeit drangen, fragte kaum jemand nach den Content Moderators, die denselben Job bei der Google-Tochter YouTube erledigen.

Auf 10.000 Mitarbeiter soll die Truppe bis Ende des Jahres anwachsen, um des wachsenden Schwalls an problematischen Videos Herr zu werden. Die Maßnahme geschah nicht etwa aus Verantwortungsgefühl den Nutzern gegenüber: Wichtige Kunden wie Adidas Börsen-Chart zeigen oder Unilever hatten mit Werbeboykotts Druck aufgebaut. Wo und zu welchen Bedingungen die Moderatoren arbeiten, gibt Google nicht preis - "um ihre Sicherheit nicht zu gefährden", wie Europa-Chef Brittin behauptet.

Alle Zeichen auf Regulierung

Neben klassischem Lobbying betreibt der Konzern geschickt Landschaftspflege, um die potenziellen Gegner zu bezirzen. Am College d'Europe in Brügge, der Kaderschmiede der EU-Beamten, lehrt seit Kurzem ein von Google finanzierter Professor für "Digitale Innovation". Verlage und TV-Sender können bei Googles 150 Millionen Euro schwerer Digital News Initiative Gelder für Innovationsprojekte beantragen. Der Konzern stelle "seine Töpfe überall dort auf, wo öffentliche Meinung gebildet wird", lästert ein hochrangiger EU-Beamter.

Googles Gründer Sergey Brin und Larry Page setzten von Anfang an auf ein sanftes Auftreten. Die beiden verkörpern den Prototyp des Silicon-Valley-Intellektuellen, der Profit machen, aber auch die Welt verbessern will. Was nicht nur PR ist, denn Google forscht ja konkret an Krebstherapien oder hilft Behinderten, mit Technologie ihr Leiden zu lindern. Das inzwischen entsorgte Motto "Don't be evil" ist legendär.

Tatsächlich bündelt kein anderes Unternehmen so viele persönliche Informationen auf einmal (siehe Google: Niemand kennt dich besser). Die Klagen darüber sind nicht neu, blieben bislang indes ohne echte Konsequenzen. Das könnte sich angesichts der jüngsten Skandale nun ändern. "Die Zeiten der Wohlfühltermine, bei denen Techmanager von uns hofiert wurden, sind endgültig vorbei", sagt Dorothee Bär (CSU), die neue Staatsministerin für Digitalisierung.

Newsletter von Philipp Alvares de Souza Soares

In Europa drohen nun nach der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) noch schärfere Gesetze. Gegen die sogenannte E-Privacy-Richtlinie kämpfen die Techlobbyisten in Brüssel bereits mit aller Macht. Und in den USA sprechen Republikaner und Demokraten über ähnliche Vorhaben. "Eine US-Version der DSGVO wird zwangsläufig kommen", sagt Brian Wieser, Analyst bei Pivotal Research. Alle Zeichen stünden auf Regulierung. Steve Ballmer, als Microsoft-CEO einst in einer ähnlichen Lage, riet Pichai und Co. kürzlich per Interview zur Vorsicht: "Dieses Regierungszeug ist eine ziemlich ernste Sache."

Für US-Starökonom Scott Galloway ("The Four") ist die Internetsuche Teil der öffentlichen Infrastruktur und hätte längst so behandelt werden müssen. Galloway, der für die Treffsicherheit seiner Prophezeiungen berühmt ist, sieht es so: "Die Frage lautet eigentlich nicht, ob und wann Google aufgebrochen wird, sondern: Wie konnten wir das Unternehmen überhaupt so weit kommen lassen?"

© manager magazin 8/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH