Mittwoch, 16. Januar 2019

Gefährliche Konjunkturparty Wie heiß läuft Deutschland?

Geldpolitik: Die monetäre Wende
DPA

2. Teil: Völlig untypisches Lohnmuster - Deutschland läuft heiß

Dass die größte Volkswirtschaft des Euro-Raums keinerlei Billiggeldzufuhr mehr braucht, steht außer Frage. Während andere Teile der Währungsunion sich gerade erst wieder berappeln, läuft Deutschland langsam, aber sicher heiß.

Die Stimmung in der Industrie ist prächtig, die berühmt-berüchtigte Exportmaschine nimmt dank anziehender Weltkonjunktur und schwachem Euro schon wieder neues Tempo auf. Die Einkaufsmanagerbefragungen, die das Markit-Institut regelmäßig durchführt, zeigen eine kräftig ansteigende Produktion. Die Nachfrage wächst teils so rasant, dass die Firmen mit dem Liefern gar nicht hinterherkommen.

Den Schub im Inland bringt der Wohnungsbau, der von Zuwanderung, höheren Einkommen und billigem Geld befeuert wird. "Champagnerlaune" meldet das Ifo-Institut aus seinen Architektenumfragen. Die deutsche Bauwirtschaft bewerte ihre Lage "so positiv wie noch nie".

Wer Immobilien oder Aktien besitzt, freut sich über Wertzuwächse. Die Staatskassen sind voll, dank der eingesparten Zinsen und der guten Konjunktur, die das Steueraufkommen mehrt. Gleichzeitig schlägt der Arbeitsmarkt alle historischen Rekorde: 44 Millionen Menschen haben einen Job, geschätzt gut eine Million Stellen sind offen. Zuletzt war die Erwerbslosenquote vor über 35 Jahren so gering.

Deutsche Wirtschaft reitet die perfekte Welle

Es ist die perfekte Welle, die die deutsche Wirtschaft da reitet. Gegen den Sofortausstieg aus der Ultralaxheit spricht vor allem, dass die Inflation im Kern noch deutlich von der angestrebten Zielmarke - knapp 2 Prozent - entfernt ist. Und dass für die EZB nur die Lage im Währungsraum insgesamt zählt.

Würde aus der aktuellen Überauslastung hierzulande eine preistreibende Überhitzung, wäre das für die lahmenden Krisenländer sogar erst mal hilfreich: Nachdem ihnen zu Beginn des Jahrtausends die Kosten weit aus dem Ruder gelaufen sind, würden sie gegenüber Deutschland wieder wettbewerbsfähiger.

Die Preisanstiege an den Immobilien- und Aktienmärkten geben noch keinen Anlass zum Bubble-Alarm, bisher wird wenig mit fremdem Geld spekuliert. Die Bundesbank sieht zwar einzelne "Übertreibungen" in deutschen Metropolen wie Hamburg, Berlin und München - insgesamt aber bleiben die Bewertungen solide. Das Wachstum der Kreditvergabe, das die Notenbank mit ihrer Extrempolitik anschieben will, nimmt erst allmählich Fahrt auf.

Boom - doch die Löhne steigen kaum

Der Dreh- und Angelpunkt in Draghis Analysen ist jedoch die Lohnentwicklung, sie ist für ihn die "Schlüsselvariable". Und genau da tut sich nichts.

Obwohl die Arbeitslosigkeit im gesamten Euro-Raum mittlerweile spürbar gesunken ist, bleibt es an der Lohnfront ruhig. Nicht mal im boomenden Deutschland gibt es bisher nennenswert höhere Aufschläge, ein für diese Konjunkturphase völlig untypisches Muster. Die Exporteure können weiterhin sehr günstig anbieten, der Konsum im Inland bleibt verhalten - und die deutschen Überschüsse schrumpfen kaum.

Mario Draghi will, dass die EZB ihr Inflationsziel erreicht, auch um das Finanzsystem zu stützen. "Lowflation" - wie der IWF die hartnäckige Miniteuerung getauft hat - ist für ihn so wenig akzeptabel wie eine echte Deflationsgefahr. Sprich: Solange Löhne und Preise sich nicht dynamischer bewegen, bleibt es bei der Billiggeldtherapie.

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