Donnerstag, 1. September 2016

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Kind und Karriere Rolle rückwärts

Managerinnen: Kinder statt Job
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Corbis

Immer mehr junge Managerinnen entscheiden sich wieder für Kinder und gegen eine Karriere. Die Quote könnte diese Gegenbewegung sogar noch beschleunigen.

Es war eine dieser typischen Veranstaltungen zum Thema Frauen in Führungspositionen, Ende November im holzgetäfelten großen Saal des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB). 90 Prozent Frauen im Publikum, 10 Prozent Männer; auf dem Podium Personalmanager von Allianz Börsen-Chart zeigen, Daimler Börsen-Chart zeigen, K+S, Deutscher Telekom Börsen-Chart zeigen und ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen, gerahmt von Expertinnen zur Frauenfrage. Wie immer ging der Diskussion ein peinlicher Befund voraus: Weibliche Manager sind in deutschen Unternehmen unterrepräsentiert.

Was ist in den vergangenen Jahren nicht alles unternommen worden, um mehr Frauen in die Topetagen der Wirtschaft zu schleusen! Aktionärinnen schlagen auf Initiative des Deutschen Juristinnenbundes (DJB) seit 2009 regelmäßig Alarm auf Hauptversammlungen. Anfangs wurden sie ausgebuht, heute ergreifen die Vorstände bestens vorbereitet das Mikrofon und verkünden stolz jede noch so kleine Frauenbewegung in ihrem Betrieb.

Diversity-Programme, Mentoring, Betriebskindergärten, Netzwerke, Zielvereinbarungen - die Unternehmen haben mächtig aufgerüstet. Der Versicherungskonzern Allianz unterzieht nach Angaben seines Chefpersonalers Christian Finckh männliche Führungskräfte inzwischen sogar einem "unconscious bias", einem Selbsttest, um altbackene Denkmuster zu entlarven.

Frauen sind gut ausgebildet, führungstauglich und werden in einer Gesellschaft, die geprägt ist von zunehmendem Fachkräftemangel, dringend gebraucht. Darin waren sich im Saal des WZB am Reichpietschufer wieder einmal alle einig. Und doch passiert nichts.

Elke Holst, Direktorin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hat gerade frisch gerechnet: Der Anteil der weiblichen Vorstände in Dax-30-Konzernen ist 2013 trotz seines ohnehin lächerlich niedrigen Niveaus wieder zurückgegangen, von 7,8 auf 6,3 Prozent. Auf 173 Männer kommen 12 Damen, im vergangenen Jahr waren es immerhin noch 15 (und 178 Männer).

Kinder kaum mit der Karrierewirklichkeit vereinbar

Selbst im mittleren Management der Dax-30-Gilde sind so gut wie keine Fortschritte erkennbar. Der Juristinnenbund hat die Statusberichte der Konzerne ausgewertet: Danach liegt der Anteil der Frauen durchschnittlich bei konstanten 16 Prozent. Wo also sollen künftig all die neuen Topmanagerinnen herkommen, wenn nichts nachwächst?

Die Soziologin Jutta Allmendinger, die seit Jahren ergründet, wie die weibliche Führungsreserve tickt, fürchtet bereits einen Rückfall in längst überholte Zeiten. Studien des von ihr geführten WZB belegen, dass wieder mehr Frauen unter 34 glauben, Kinder und Karriere seien hierzulande nicht vereinbar. Dachte vor fünf Jahren ein Drittel der Frauen so, war es 2012 schon mehr als die Hälfte.

Frauen sollen heute alles liefern: vollen Karriereeinsatz für die Firma und möglichst viele Kinder für die Volkswirtschaft. Status-Kids selbstredend, perfekt erzogen, gebildet und glücklich. In einer Welt durchgetakteter Arbeitstage, permanenten Präsenzdrucks und knallharter Aufstiegsregeln ist das kaum zu leisten. Man muss sich entscheiden.

Junge Akademikerinnen entscheiden sich laut Geburtenstatistik wieder häufiger für Nachwuchs. Und weil sich Kinder kaum mit der Karrierewirklichkeit in deutschen Unternehmen in Einklang bringen lassen, droht der Pool an weiblichen High Potentials auszutrocknen, bevor er richtig voll war. Die von der großen Koalition beschlossene Frauenquote wird daran wenig ändern. Sie könnte sogar kontraproduktiv wirken.

Selbst in Frankreich, über Jahrzehnte Hort der emanzipierten, berufstätigen Superfrauen, kommt es zu einer Gegenbewegung. Junge, gut ausgebildete Französinnen beschließen neuerdings häufiger, nach der Geburt zu Hause zu bleiben, um den Kindern eine perfekte Kindheit zu bieten. "Lassen Sie es mich so formulieren", frotzelt die Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter, "sie wollen wie eine deutsche Mutter sein."

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