Freitag, 15. Dezember 2017

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Hype um Frankfurts Aufstieg Der neue Mainstream

Frankfurt: Kunst-, Restaurant- und Bauszene
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DPA

Bembeltown war gestern, Deutschlands Finanzhauptstadt wird gehypt wie nie. Vor allem dank eines Netzwerks jüdischer Hipster, die die Banker fast vergessen lassen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 2/2017 des manager magazins, die Ende Januar erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Ihr Held ist fort, und noch wissen die Frankfurter nicht so recht, wie sie damit umgehen sollen. 15 Jahre lang hat der smarte Wiener Max Hollein (47) die Kunstszene am Main dominiert. Mit seiner einzigartigen Kombination aus Sachverstand und Street-Smartness, Schmäh und Charme machte er als Fundraiser die vermögenden Bürger der Stadt zu Minimäzenen. Als Dreifachimpresario trimmte er Städel Museum, Liebieghaus und Schirn-Kunsthalle auf Weltklasseniveau.

Zum Abschied verneigte sich tout Frankfurt tränenreich vor dem Wunderkind, das nun die Fine Arts Museums of San Francisco leitet. Seither reisen ihm die Frankfurter wie Groupies hinterher, um ihren Phantomschmerz zu lindern. Nachfolger Philipp Demandt (45) konnte noch keine Akzente setzen.

"Hollein war einzigartig", seufzt Sylvia von Metzler (60), Chefin des Städelschen Museums-Vereins, Bankiersgattin und just zurück von einem Kurzurlaub mit Freundinnen in Nordindien. Von dort hat sie eine veritable Erkältung mitgebracht. Was sie nicht daran hindert, sich von ihrem Büro im Main-Ufer-nahen Bankhaus aus sofort wieder kopfüber in die Planung der nächsten Salons und Fundraising-Dinner zu stürzen.

Als Multimäzenin und Alma Mater der Stadt war sie eng mit Hollein. Beim Geldeintreiben haben beide es zur Meisterschaft gebracht: 85 Prozent des Städel-Etats sind privat finanziert, das Spendennetzwerk ist engstmaschig. Nach Vernissagen bitten Sylvia und Gatte Friedrich (73) Künstler, Politiker und Manager traditionell noch in ihre Sachsenhausener Villa.

Die Einladungen sind die begehrtesten der Stadt. "Auf hohem Niveau versacken" könne man, schwärmt ein Dauergast. Auch die Kanzlerin war schon da und von Hollein entzückt.

Mehr als ein Quantum Wehmut kommt aber nicht auf. Es wäre auch untypisch für Frankfurt. Die Main-Metropole ist höchst pragmatisch und gewohnt, nichts geschenkt zu bekommen. Zwar war sie jahrhundertelang Krönungsort deutscher Kaiser, aber nie eine Residenzstadt wie München. Dieses Vermächtnis prägt Frankfurt bis heute: Oberbürgermeister Peter Feldmann (58; SPD) gilt als knauseriger Nonvaleur, der öffentliche Auftritte meidet. Trägheit kann da nicht aufkommen.

Tatsächlich hat sich Frankfurt vor allem dank spendabler Großbürger stets aus sich selbst heraus erneuert - und jetzt, nach der Finanzkrise, den Aufstieg zur globalen Metropole geschafft. Die Erweiterung der City zum Fluss, das Aufblühen des Ostends mit der architektonischen Ikone EZB, die imposante Goethe-Universität rund um das geschichtsträchtige I.G.-Farben-Haus, die international gefeierte Wiedergeburt des Bahnhofsviertels als Gastro- und Artdistrikt: Frankfurt hat sich neu erfunden.

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