Samstag, 16. Dezember 2017

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Garnelen aus Bayern, kalorienarme Pizza - Food-Start-Ups boomen Wie deutsche Gründer die Lebensmittel-Multis herausfordern

Food-Start-Ups: Bayerische Garnelen & Sushi-Ingwer-Würstchen
Fotos
Daniel Delang / Crusta Nova

Klasse statt Masse: Immer mehr Gründer drängen auf den hart umkämpften Markt für Nahrungsmittel. Ihre teils wilden Mixturen kommen bei Kunden und Handel gut an.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 9/2017 des manager magazins, die Ende August erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Eigentlich drehte sich der Berufswunsch von Marc Schlegel (30) und Matthias Kramer (32) um Frauen. Dann kam ihnen etwas in die Quere: Pizza. Nach ihren Uniabschlüssen tüftelten die beiden an einer Dating-App. Das große Vorbild: Tinder. Liebe im Internetzeitalter. Ein Wisch nach rechts für die Chance auf ein Abenteuer oder ewiges Glück.

Zur Präsentation ihrer Tinder-Kopie Fumaki im Freundeskreis servierte Sportfreak Kramer Pizza mit kalorienarmem Teig aus Leinsamen. Die App fiel durch, die Pizza nicht.

Heute befeuern die Bäcker wider Willen einen Trend, der sich übers Land ausbreitet wie Bratensauce auf dem Teller: Rund 1000 Start-ups werkeln an umweltfreundlichen Knödeln, Sushi-Ingwer-Würstchen oder Tiefkühlcocktails für den Toaster.

Craft Beer, Foodtrucks und Leinsamenpizza: Essen ist die neue Religion

Essen ist die neue Religion. Nach Craft Beer und Foodtrucks erfasst die Revolution nun die Nahrungsmittelindustrie. Handgefertigt statt Masse. Daran glaubt inzwischen sogar der Einzelhandel. Der einst versperrte Weg in die Regale öffnet sich, in den USA erreichen erste Jungunternehmen Milliardenbewertungen.

Ein weißes Reihenhaus aus den 50er Jahren am Rande der Frankfurter Bürostadt Niederrad. 1000 Meter von der Deutschland-Zentrale des Nahrungsmittelgiganten Nestlé Börsen-Chart zeigen entfernt rollen rechteckige, braune Teigstücke über ein Förderband, eine junge Frau klebt die Etiketten per Hand auf. Alles wirkt ein wenig, als übten ein paar Studenten für "Deutschland sucht den Superbäcker".

Ein Stockwerk darüber sitzt Marc Schlegel in Shorts und schlägt die Beine übereinander. Einen Tag nach der missglückten App-Präsentation wurde aus Fumaki Lizza. Für den Namen, eine Wortschöpfung aus Low Carb und Pizza, brauchte das Duo nur eine Stunde. Der Rest ist eine rasante Lernkurve.

Pizza aus kalorienarmen und glutenfreiem Teig

Mit 400 über Nacht gefertigten Pizzateigen geht es auf einen Wochenmarkt. Schlegel und Kramer wollen ihr Produkt testen und denken an den Aufbau einer Franchisekette. Den Kunden aber schmeckt vor allem der ungewöhnliche Teig, der kalorienarm ist und glutenfrei dazu. Nächste Planänderung.

Im Februar 2016 eröffnet das Gespann einen Onlineshop. Schlegel und Kramer werden Pizzateigversender. Noch im selben Jahr klettert der Umsatz auf 1,4 Millionen Euro. Das Unternehmen ist von Beginn an profitabel. Treue Fans und starke Abverkaufszahlen überzeugen den Einzelhandel. Im laufenden Jahr sollen die Erlöse auf fünf Millionen Euro steigen.

Jetzt übernimmt ein Lohnproduzent die Herstellung, die Minibäckerei im Keller wird zum Labor. Die passenden Saucen zum Pizzateig gibt es schon, aber damit soll noch lange nicht Schluss sein. Ob Brötchen oder Pasta: Lizza will so ziemlich alles aus Leinsamen herstellen. "Wir möchten ein globales Unternehmen aufbauen", sagt Schlegel. "Wir bedienen Megatrends."

Garnelen aus Bayern - für 79 Euro das Kilo

400 Kilometer weiter südlich steht Fabian Riedel (34) das Wasser bis zu den Knien. Seine Karriere klingt wie ein Gag aus dem "Yps"-Heft. Die Hobbykrebszucht eines Freundes hat den Rechtsanwalt vom Weg abgebracht und zum Schalentierexperten gemacht. Statt Mandanten zu beraten, fischt Riedel seit März 2016 Garnelen aus Europas größter Aquakulturanlage am Münchener Stadtrand. 30 Tonnen im Jahr. Kilopreis: 79 Euro.

Die Nachfrage aus Gastronomie und Handel nach den fangfrischen Gambas aus Bayern ist größer als das Angebot. Crusta-Nova-Chef Riedel baut bereits an und will sein Know-how im Ausland an Lizenzpartner vergeben.

Quer durch die Republik stürzen sich Gründer in die Produktion von Nahrungsmitteln. Manche, wie die Augsburger Brüder Denis (36) und Daniel (33) Gibisch, sind als Suppenmeister erfolgreich und erzielen mit Little Lunch, ihrer Antwort auf "Pulversuppen voller Chemieschrott", inzwischen zweistellige Millionenumsätze. Andere wollen die Welt verbessern, wie der Mediziner Zubin Farahani (33), der mit Dörrwerk aus nicht verkäuflichem Obst und Gemüse knuspriges Fruchtpapier und Tomatenchips macht. Der Architekt Felix Pfeffer (34) verarbeitet nicht verkauftes Brot zu ausgefallenen Knödelvarianten und bietet sie unter der Marke Knödelkult verzehrfertig im Glas an.

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