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23.11.2017  Streit der Discounter-Milliardäre

Die Rebellin - wie Babette Albrecht den Aldi-Clan aufmischt

Von und

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Streitlustig: Babette Albrecht, Witwe von Berthold Albrecht, mit dem Münchener Rechtsanwalt Wolfgang Seybold

Berthold Albrechts Witwe Babette streitet mit ihrem Schwager Theo um Macht und Geld. Der unerbittliche Kampf könnte dem Unternehmen schweren Schaden zufügen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 5/2017 des manager magazins, die Ende April erschien. Wir veröffentlichen Sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Im Frühherbst 1985 endete abrupt und für lange Zeit das pralle Leben der 25-jährigen Babette Schönbohm. Die partyerprobte Rheinländerin ehelichte damals Berthold Albrecht, den jüngeren Sohn des Aldi-Nord-Patriarchen Theo Albrecht senior. Sie liebte ihren Mann - zudem erhoffte sich die junge Frau von der Einheirat in eine der reichsten Familien Deutschlands ein unbeschwertes Dasein im Luxus. Doch es kam ganz anders.

Von einem Tag auf den anderen verlor Babette Albrecht ihre Selbstbestimmung. Sie musste sich den ungeschriebenen Regeln des Aldi-Clans unterordnen: Ausgelassene Feten waren tabu, das Geld durfte nicht gezeigt werden. Babettes Miniröcke und ihr zuweilen loses Mundwerk erregten Missfallen, vor allem bei der Schwiegermutter.

Die heute 89-jährige, streng katholische Cilly Albrecht legte fest, was ein Familienmitglied zu tun und was es zu lassen hatte. Ihre Söhne Berthold und Theo junior waren es von Kind an gewohnt, sich zu fügen, Babette musste den Gehorsam erst leidvoll erlernen.

Mehr als zwei Jahrzehnte ertrug sie die Auseinandersetzungen mit den Schwiegereltern und dem Schwager, die sie von Anfang an nicht mochten. Widerstrebend arrangierte sich Babette mit der Düsternis eines Milliardärsalltags, der kleinbürgerlicher nicht hätte sein können.

Diese Zeit ist nun endgültig vorbei. Seit ihr Ehemann Berthold im November 2012 mit 58 Jahren starb, erlaubt sich Babette Albrecht (56) all das, was bei den Aldis verpönt ist. Sie posiert vor Fotografen der Klatschpresse, zeigt sich in bunten Designerkleidern, trägt üppigen Schmuck und teure Hermès-Taschen. Auch lässt sie kaum ein Vergnügen aus - ob Karnevalssitzung in Köln oder Oktoberfest in München.

"Du bist eine Belastung für unser Unternehmen"

Cilly Albrecht, nach dem Tod von Theo senior im Jahr 2010 offizielles Familienoberhaupt, und ihr erstgeborener Sohn Theo junior (66) sind entsetzt. "Du bist mit Deiner Einstellung und Deiner Lebensführung eine Belastung für unser Unternehmen", schrieb Theo Mitte 2014 an die Schwägerin.

Babette Albrecht schert sich nicht mehr um die Befindlichkeit der Verwandtschaft. Selbst vor aufsehenerregenden Prozessen, zuvor ein Tabu im Clan, scheut sie nicht zurück. Sie brachte ihre fünf Kinder dazu, den Kunsthändler Helge Achenbach (65) wegen Betrugs anzuzeigen. Er hatte - mit unzulässigen Preisaufschlägen - den Albrechts für 120 Millionen Euro diverse Gemälde und Oldtimer besorgt.

Auch gegen Cilly und Theo Albrecht junior geht Babette vor. Gerichte sollen klären, wer künftig das Sagen bei Aldi Nord hat. Babette und ihre Kinder wollen bei dem Discountriesen mitreden, die Gegenseite würde sie am liebsten aus der Firma drängen.

Schon mehr als vier Jahre bekämpfen die Kontrahenten einander mit unerbittlicher Härte. Bleiben die Parteien unversöhnlich, könnte einer der erfolgreichsten Familienkonzerne der Republik, eine Geldmaschine mit 36 Milliarden Euro Umsatz und einem Nettogewinn von rund einer Milliarde Euro, schweren Schaden nehmen.

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In dem Zwist lenkt keiner ein, jede Seite verschanzt sich hinter ihrer eigenen Wahrheit. Seniorin Cilly gab zu Protokoll, das Verhalten von Babette und den Kindern richte sich "konkret gegen Struktur und Gefüge der Unternehmensgruppe Aldi Nord, also insbesondere gegen das Lebenswerk meines verstorbenen Mannes". Bertholds Witwe dagegen macht geltend, sie setze sich nur gegen die kalte Entmachtung ihres Familienzweigs durch Schwager und Schwiegermutter zur Wehr.

Der Streit erinnert an den anderer großer deutscher Industriellensippen wie den der Flicks oder der Thyssens. Ihre Unternehmen sind, wie man weiß, längst Geschichte, zerbrochen an Unfähigkeit und Hass.

Nun entwickelt sich Babette Albrecht zum Albtraum für die Krämerfamilie aus dem Ruhrgebiet. Die Frau, die auf Fotos das Leben anlacht, wird offensichtlich getrieben vom Verlangen nach Revanche für erlittene Demütigungen und dem Wunsch, ihren Kindern dauerhaft einen Platz in der Dynastie zu sichern. Der "Denver-Clan", die TV-Serie aus den 80er Jahren, spielt heute in Essen, dem Wohnort der Albrechts.

Umbrüche, Unruhe, Unfrieden kennt Babette seit Kindheit und Jugend in Köln. Vater Klaus Schönbohm war Ingenieur, Mutter Yvonne arbeitete als Kosmetikerin und Heilpraktikerin. Die Ehe zerbrach, als die Tochter in die Schule kam.

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Bald darauf heiratete die Mutter den 20 Jahre älteren Herbert Rosendahl, einen Rechtsanwalt. Seine Kanzlei florierte, das brachte Glamour ins Leben der Schönbohm-Rosendahls. Sie leisteten sich Reisen bis nach Hawaii, wohnten in Fünfsternehotels und speisten in erstklassigen Restaurants. Auch für das teure Internat Schloss Eringerfeld unweit von Paderborn war genug Geld da. Babette besuchte dort die Hauptschule.

Früh zeigten sich ihre Neigungen. Ein Klassenkamerad weiß noch, dass sie eine "eher mittelmäßige Schülerin war; eine Betriebsnudel, deren einzige Begeisterung dem Tanzen galt". Für politische Diskussionen und Bücher hatte sie wenig Sinn.

Babette verließ das Internat mit der mittleren Reife. Nach Köln zurückgekehrt, half die Tochter dem Stiefvater bei Büroarbeiten. Sie begann eine Lehre als Arzthelferin - und brach sie wieder ab. Eine besonders gute Ausbildung oder gar ein Studium hatten im Elternhaus offenkundig keine Priorität. Wichtiger schien es, einen vermögenden Mann zu finden. "Wir lebten im Luxus, Babette konnte doch nicht absteigen", sagt ihre Mutter, die heute 76-jährige Yvonne Schönbohm-Rosen- dahl.

Also fuhr Babette mit einer Freundin dorthin, wo sich die Reichen treffen: nach Sylt. Auf der Insel lernte sie beim Besuch eines Polospiels den jungen Theo Albrecht kennen, später dann dessen Bruder Berthold.

Babette und Berthold wurden ein Paar - ein sehr ungleiches. Die Autorin Hanne-Lore Heilmann, die Mitglied im selben Golfklub war wie Berthold, erzählt von einem Abend in einer Essener Edeldisco. "Ich sah einen zurückhaltenden Mann von etwa Ende 20, der es vermied, im Mittelpunkt zu stehen." Seine Freundin Babette, so Heilmann, "brünett wie Sophia Loren und schlank wie die Bardot", trug enge, hellblaue Strickleggings mit passendem bauchfreiem Pulli.

Es dauerte nicht lange, und die junge Frau tanzte auf der Theke. Berthold, erzählt die Beobachterin von damals, "schaute seine Babette mit seligem Lächeln an - liebevoll, mit jener heiteren Gelassenheit, die man von Buddha-Statuen kennt".

Hin und wieder besuchte der Milliardärssohn das Elternhaus seiner Babette in Köln. Dabei brachte er schon mal einen Toaster oder einen Fernsehapparat mit. Die Gastgeschenke waren hochwillkommen, denn der Familie ging es inzwischen finanziell schlecht. Der Stiefvater hatte sich mit nigerianischem Öl verspekuliert. Obendrein geriet er mit dem Gesetz in Konflikt, berichtet Yvonne Schönbohm-Rosendahl im gemeinsamen Gespräch mit dem Münchener Rechtsanwalt Christos Perperidis.

Mit ihren nicht mehr standesgemäßen Eltern wollte Babette die Verwandtschaft ihres Mannes auf keinen Fall zusammenbringen. Nicht einmal zur Hochzeit, die im September 1985 auf Schloss Hugenpoet nahe Essen gefeiert wurde, waren die beiden eingeladen, ebenso wenig wie Babettes leiblicher Vater oder die Halbschwester Jasmin. Man blieb lieber unter sich: die Familie von Theo senior und die seines Bruders Karl, der die Schwesterfirma Aldi Süd gehört, sowie ein paar enge Freunde des Brautpaars.

Babettes Eltern wurden im Nachhinein per Karte von den frisch Vermählten unterrichtet. Immerhin baten sie die Schönbohm-Rosendahls zum Abendessen in einen Golfklub. Man traf sich zu viert in harmonischer Atmosphäre und ging friedlich auseinander.

Doch irgendwann kochte bei der Mutter der Ärger über die Ausgrenzung hoch. Sie schrieb ihrer Tochter einen Brief, der, wie sie einräumt, "nicht schön war", und beklagte sich, "dass Du so mit mir umgehst". Babette brach den Kontakt ab; bis heute haben die beiden nicht einmal Telefonnummern ausgetauscht.

Der Bruch setzte der Mutter arg zu. Sie war enttäuscht, dass die reiche Tochter sie finanziell nicht unterstützte. In ihrer Not, die Schönbohm-Rosendahls lebten mittlerweile von Sozialhilfe, wandte sich die Geächtete an Berthold, den sie sehr mochte. Der gab schließlich nach - vielleicht aus Mitleid, vielleicht auch, weil er fürchtete, seine Schwiegermutter würde öffentlich ausbreiten, aus welchen Verhältnissen Babette kommt. Yvonne Schönbohm-Rosendahl erhielt zunächst 4000 Mark monatlich. Auch nach Bertholds Tod floss das Geld, heute sind es 2500 Euro.

Die Zahlungen blieben die einzige Verbindung zu den Albrechts. Selbst ihre Enkel hat Yvonne Schönbohm-Rosendahl nur einmal gesehen. 1990 brachte Babette Albrecht Vierlinge zur Welt, drei Mädchen und einen Jungen; zwei Jahre später noch eine Tochter. Von da an nahm die Mutterrolle sie vollends in Beschlag.

Hinzu kam eine allgegenwärtige soziale Kontrolle, denn die Großeltern lebten im feinen Essen-Bredeney in derselben Straße wie Babette und Berthold. Auch Theo junior wohnte gleich um die Ecke.

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Aus diesem Mikrokosmos gab es für Babette kein Entrinnen. Eine Albrecht sollte öffentlich nicht in Erscheinung treten, auch aus Sorge vor einem Überfall: Theo senior war 1971 entführt und 17 Tage gefangen gehalten worden. Erst nach Zahlung eines Lösegelds kam er wieder frei.

So blieben Babette als Abwechslung vor allem die Besuche mit den Kindern bei Oma Cilly und der pflichtgemäße Kirchgang am Sonntag. Hobbys hatte sie kaum - außer der Leidenschaft, Schweinchen aus allen erdenklichen Materialien zu sammeln und sie in einer Vitrine im Wohnzimmer auszustellen.

Erst später schufen sich Babette und Berthold einen gesellschaftlichen Höhepunkt: Alljährlich im November lud das Ehepaar ein paar Dutzend Bekannte zum Gänseessen ins neu gebaute Gästehaus.

Wie ein Glücksfall muss es Babette da vorgekommen sein, dass sie und ihr Mann 2007 bei einer Einladung in der Nachbarschaft zwei Menschen aus einer ganz anderen Welt kennenlernten: den Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach und seine Frau Dorothee (53), eine promovierte Kunsthistorikerin und Autorin.

Die Ehepaare freundeten sich an, eine besondere Nähe entstand zwischen dem sonst so scheuen Berthold und dem eloquenten Achenbach. "Mein Mann war ganz aufgeschlossen von Herrn Achenbach", gab Babette später etwas ungelenk vor Gericht zu Protokoll.

Der Kunsthändler kam alsbald mit den Albrechts ins Geschäft. Er besorgte Skulpturen und Gemälde, mal einen Kokoschka, ein andermal einen Picasso. Babette konnte den Werken, die sie abschätzig "die Dinger" nennt, nicht viel abgewinnen. Ihr war etwas ganz anderes wichtig: Achenbach und seine Frau führten die Albrechts in eine Gesellschaft ein, zu der sie bis dahin keinen Zugang hatten. Gemeinsam besuchten sie Vernissagen, reisten zur Art Basel nach Miami Beach oder nahmen an einem Galadinner im Wolfsburger Kunstmuseum teil.

An jenes Abendessen im März 2009 erinnert sich Dorothee Achenbach noch gut. Babette Albrecht sei "regelrecht aufgeblüht" und habe es "sehr genossen", inmitten Prominenter wie Martin Winterkorn oder Carsten Maschmeyer und dessen Frau, der Schauspielerin Veronica Ferres, zu speisen. Babette saß fröhlich plaudernd neben Startrompeter Till Brönner.

Ein paar Monate nach der Sause in Wolfsburg nahm Achenbach seine Freunde erstmals zu einer Oldtimer-Schau mit - den Schloss Bensberg Classics. Berthold Albrecht war ganz hingerissen von den Autos. Fortan musste Achenbach ihm fast im Quartalsrhythmus einen wertvollen Wagen liefern, darunter einen Mercedes 540 k für zwölf Millionen Euro, eine Spezialanfertigung für Alfried Krupp von Bohlen und Halbach.

In diesen Tagen wusste Berthold bereits, dass er schwer krank war und nicht mehr allzu lang zu leben hatte. Er nahm jetzt kaum mehr Rücksicht auf die stets zur Bescheidenheit mahnende Familie und stellte wie andere Superreiche sein Vermögen zur Schau. Mit der Gattin flog er zu Oldtimerparaden nach Kuwait, an den Comer See oder ins kalifornische Pebble Beach, wo Autoliebhaber mit ihren Prachtstücken vorfahren und dafür Auszeichnungen einheimsen.

Babette jubiliert, Cilly und Theo sind außer sich

Babette jubilierte, Cilly Albrecht und Sohn Theo waren außer sich. Immer häufiger gab es Ärger. Babette und Berthold zogen sich mehr und mehr zurück. Manchmal quartierten sie sich wochenlang im "Grand Hotel Quellenhof" im Schweizer Kurort Bad Ragaz ein - auch weil Berthold sich dort Linderung seines Leberleidens erhoffte. Die Krankheit ließ sich aber nicht stoppen. Am 26. November 2012 starb er in einem Spital im benachbarten Chur.

Der Tod ihres Mannes bedeutete für Babette eine Zäsur, die tiefer war als bei anderen Ehepaaren. Die Frau, die seit ihrer Hochzeit von der Familie gegängelt worden war, ließ sich von Stund an nichts mehr sagen. Mehr noch: Sie schien die Verwandtschaft bewusst verletzen zu wollen. "Meine Tochter hat viele guten Eigenschaften", sagt Yvonne Schönbohm-Rosendahl, "aber sie kann nur schwer verzeihen."

Babettes neue Härte bekam als Erster der Anwalt Emil Huber (73) zu spüren, ein enger Vertrauter der Albrechts. Ihn informierte sie telefonisch vom Ableben ihres Mannes - und darüber, dass die Trauerfeier nicht in Essen, wie es die Familie erwartete, sondern in Chur stattfinden werde.

Wer zu der Zeremonie gebeten war und wer nicht, darüber gehen die Darstellungen auseinander. Huber teilt in einem Schriftsatz mit, er sei von Babette Albrecht unterrichtet worden, "dass weder die Schwiegermutter noch ihr Schwager bei der Trauerfeier erwünscht seien". Dem widerspricht die andere Seite: Babette habe sich gewundert, dass die Mutter und der Bruder ihres Mannes ihm nicht die letzte Ehre erweisen wollten. Jedenfalls reiste Huber allein in die Schweiz.

Es war ein sehr kleiner Kreis, der da in Chur Abschied nahm. Weder waren Angehörige der Aldi-Süd-Sippe dabei noch die Achenbachs, die Berthold so nahe standen. Das Ritual gestaltete Babette ganz nach ihrem Gusto - statt Chor und Streichquartett ertönte Popmusik.

Wo die Urne ihres Sohnes liegt, weiß Mutter Cilly bis heute nicht. Sie hatte Berthold im Familiengrab auf dem Friedhof Essen-Bredeney beisetzen wollen, doch die Schwiegertochter wählte einen Ort, den nur sie und die Kinder kennen.

Auch was die Todesanzeige anging, ließ sich Babette nichts vorschreiben. Sie setzte einen weitschweifigen Text auf und schrieb darunter: "In ewiger Liebe und Dankbarkeit, Babette Albrecht mit Kindern und Familienhund". Ein Weggefährte Bertholds berichtet, dass es Huber mit Mühe schaffte, am Schluss die Worte "... sowie die gesamte Familie Albrecht" einzufügen. Die seltsam anmutende Erwähnung des hinterbliebenen Pudels konnte er nicht verhindern. Der Nachruf erschien ganzseitig in überregionalen Tageszeitungen.

Ende November 2012 eröffnete Huber im Beisein der Witwe und ihrer Kinder das handschriftliche Testament Berthold Albrechts. Die Gattin erhielt als Vermächtnisnehmerin die Guthaben auf den privaten Konten, mehrere selbst genutzte Immobilien inklusive Inventar, die Kunstwerke und die Oldtimersammlung. Den Rest des Privatvermögens bekamen die fünf Nachkommen. Bertholds Anteile am Unternehmen waren schon lange in Stiftungen eingebracht, deren Nutznießer Babette und die Kinder sind.

Der Erblasser hatte Testamentsvollstreckung angeordnet - und zwar bis die jüngste Tochter 2030 das 38. Lebensjahr vollendet haben würde. Als gemeinsame Vollstrecker waren Aldi-Nord-Chef Marc Heußinger (51) und Rechtsanwalt Huber vorgesehen, der die Albrechts 40 Jahre lang als Partner der Essener Kanzlei Schmidt, von der Osten & Huber in allen juristischen Belangen vertreten hatte. 2013 verließ er die Sozietät und stellte sich ganz in die Dienste von Aldi Nord.

Huber wollte die Testamentsvollstreckung nur übernehmen, wenn Babette und ihre Sprösslinge ein von ihm verfasstes Memorandum of Understanding unterschrieben. Darin hieß es, dass die Kinder und ihre Mutter "ihre Lebensführung - soweit sie für die Öffentlichkeit sichtbar wird - immer an den Erforderlichkeiten des Unternehmens-Leitbildes von Aldi" orientieren sollten. Ein Verhalten, das sich mit dem Leistungsgedanken nicht vereinbaren lasse, konstatierte Huber, "führt beim Unternehmen ggf. zu einer nachhaltigen Beschädigung des Images und letztlich auch zu Umsatzeinbußen".

Eine derartige Selbstverpflichtung empfanden Bertholds Angehörige als Zumutung. Sie mobilisierten den Juristen Andreas Urban (61) von der Düsseldorfer Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek. Er war seit der Tanzstundenzeit mit Berthold Albrecht befreundet gewesen und hatte auch die Festrede bei der Hochzeit gehalten.

Urban schickte Huber einen korrigierten Entwurf des Memorandums zurück. Die Benimmregeln lehnte er mit dem Hinweis ab, dass sie das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit einschränkten. Überdies sprach er Huber die Eignung als Testamentsvollstrecker ab und wies dessen Entgeltforderung zurück. Schließlich verzichtete Huber entnervt auf den Posten. Zuvor hatte bereits Heußinger wegen möglicher Interessenkonflikte abgewinkt.

Da Berthold keinen Ersatzkandidaten benannt hatte, konnte Urban das Amtsgericht Essen davon überzeugen, gar keinen Testamentsvollstrecker einzusetzen. Damit entfiel auch die vorgesehene langjährige Bevormundung der Kinder. Babette triumphierte - ihr Einfall, mit Urban einen besonders gewieften, auf Familienunternehmen spezialisierten Anwalt zu mandatieren, war goldrichtig gewesen.

Die Gegenseite war weniger begeistert. Insbesondere Theo, der bei Aldi Nord in allen Belangen das letzte Wort beansprucht, ärgerte sich, dass er Babette nicht so steuern konnte, wie er es von seinem Bruder gewohnt war. Er argwöhnte, dass Urban den Konflikt sogar anheizte, im eigenen Honorarinteresse.

Der Ton zwischen den Parteien wurde im Jahr 2013 immer rauer. Beide Seiten machten einander in zahllosen Briefen und Schriftsätzen heftige Vorwürfe. Theo beschimpfte Babette, es sei "nicht nur pietätlos, sondern in hohem Maße unanständig, wie Du Bertholds letztwillige Anordnungen bekämpfst". Urban zieh er, ständig die Tatsachen zu verdrehen. Der wiederum nannte Theos Einlassungen oberlehrerhaft.

Vollends eskalierte die Auseinandersetzung, als Bertholds Familie im Frühjahr 2014 den Gemälde- und Oldtimerlieferanten Achenbach anzeigte und dafür sorgte, dass er in Untersuchungshaft kam. Es war herausgekommen, dass Achenbach die Albrechts um 19 Millionen Euro geprellt hatte. Medien in der ganzen Republik berichteten genüsslich darüber, wie sich die Aldi-Erben hatten ausnehmen lassen.

Theo schäumte. Schriftlich hielt er der "lieben Babette" vor, sie habe mit der Strafanzeige "jegliche Sensibilität in Bezug auf unser Unternehmen vermissen lassen". Die Kunden würden nicht verstehen, dass die Gesellschafter eines mit jedem einzelnen Cent rechnenden Discounters "mit Millionenbeträgen ihrem Hobby im Kunst- und Oldtimermarkt nachgehen".

"Wenn Du geglaubt hast", so Theo, "tatsächlich betrogen worden zu sein, hättest Du unter Hintanstellung Deiner persönlichen Motive gemeinsam mit Helge Achenbach eine geräuschlose Regelung finden müssen." Die Glaubwürdigkeit von Aldi habe "großen Schaden genommen".

Babette Albrecht konterte scharf. In einem Brief mit der knappen Anrede "Theo" warf sie dem Schwager vor, seine Vorwürfe seien "an den Haaren herbeigezogen". Und weiter: "Aldi Nord zeigt nach meiner Kenntnis jeden kleinen Ladendieb an; und einen Großbetrüger sollen wir laufen lassen?"

Den Prozess gegen Achenbach nutzte Babette Albrecht als große Bühne. Mit auffälliger Rüschenbluse und - zu Ehren des Familienhunds - einem goldenen Pudel am Revers ihres Blazers erschien sie im Gerichtssaal. Sie reckte den Daumen hoch und verkündete: "Ich fühle mich spitze."

Die Hauptbelastungszeugin gab bereitwillig Auskunft über die Motive der Albrechts, mit Achenbach Geschäfte zu machen. Sie tat dies in der ihr eigenen Diktion: "Die klassischen Zinsen brachten keine Rendite mehr, sag ich jetzt mal so, da wurde Kunst interessant."

Die Befragung durch Richter, Ankläger und Verteidiger verschaffte ihr sichtlich Befriedigung. Endlich einmal wurde sie ernst genommen. Und dann auch noch die "Genugtuung" über den Schuldspruch: Achenbach wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Bereits Monate vor dem spektakulären Verfahren, das die Aldi-Eigner bis in die "Tagesthemen" brachte, hatte Theo junior seiner Schwägerin nahegelegt, ihre Familie solle sich von Aldi Nord trennen, um weiteren Reputationsschaden zu vermeiden. Er sei bereit, die Firmenanteile von Bertholds Hinterbliebenen zu übernehmen - allerdings mit einem gehörigen Discount auf den Verkehrswert.

Die Replik von Anwalt Urban: Seine Mandanten wollten sich nicht von Aldi Nord trennen. Ob Theo denn seinerseits bereit sei, sich zu einem derart niedrigen Preis herauskaufen zu lassen? Seither wird das Thema nicht mehr diskutiert.

Der skurrile Streit ließ die Gesellschafter des Schwesterkonzerns Aldi Süd nicht unberührt. Schließlich ging es auch um ihre Marke und ihren Ruf. Peter Heister (69), Ehemann von Theos und Bertholds Cousine Beate Heister (65), geborene Albrecht, versuchte zwischen den verfeindeten Familienzweigen zu vermitteln - ohne Ergebnis. Es gelang ihm auch nicht, Babette und ihre Kinder davon abzubringen, vor Gericht zu ziehen, um die Machtverhältnisse im Konzern zu klären.

Konkret geht es dabei um drei Stiftungen, die sämtliche Unternehmensanteile an Aldi Nord halten und deren Vorstände alle strategischen und wichtigen personellen Entscheidungen, die den Discounter angehen, einstimmig treffen müssen. Zudem legen sie die Zuwendungen an die Familien fest (siehe Kasten).

Die Mitwirkung von Bertholds Nachkommen im Kreis dieser Stiftungen wollen Theo und seine Mutter Cilly so weit wie möglich einschränken. Dagegen wehrt sich Babette, insbesondere bei der Jakobus-Stiftung, die allein ihr und ihren Kindern zuzurechnen ist.

Der Vorstand der Jakobus-Stiftung hatte 2010 mit einer Satzungsänderung den Einfluss von Bertholds Familie reduziert - und dies mit der Unterschrift des schon todkranken Berthold Albrecht. Die Neufassung sei nichtig, behauptet die Witwe im Januar 2016 in einem Brief an die Stiftungsaufsicht.

"Mit der Auflage strengster Vertraulichkeit" beschreibt Babette Albrecht den damaligen geistigen Zustand ihres Gatten. Seine Krankheit, teilte sie mit, habe "zu einer Persönlichkeitsveränderung und Beeinträchtigung seiner intellektuellen Fähigkeiten und seiner Kritikfähigkeit geführt". Mithin sei ihr Mann 2010 nicht mehr geschäftsfähig gewesen. Theo Albrecht, der seinen Bruder zu jener Zeit mehrfach gesehen haben will, bestreitet diese Darstellung vehement.

Einen vorläufigen Erfolg hat Urban für seine Mandanten erreicht - ohne dass aber die Geschäftsfähigkeit des Stifters eine Rolle gespielt hätte. Seine Kinder können bei der Jakobus-Stiftung bis zum Urteil der Berufungsinstanz ihren Willen durchsetzen. Von den fünf Nachkommen Bertholds sitzen derzeit drei Töchter, 27 und 25 Jahre alt, im Stiftungsvorstand. Alle drei haben ihre Studien abgeschlossen. Das Verhältnis der Sprösslinge zu ihrer Mutter scheint gut zu sein. Man trifft sich im Essener Elternhaus und geht zuweilen gemeinsam auf Reisen. Auch in der Mandatierung von Rechtsanwalt Urban ist sich Babette mit ihren Kindern völlig einig. Er hatte sie schon in den Achenbach-Verfahren vertreten.

Der Streit um die Stiftungen zieht sich möglicherweise noch über Jahre hin. Derzeit ist Theos Seite auf das Wohlwollen seiner Nichten angewiesen, was bislang kein Problem war. Sobald sie sich aber querlegen würden, wäre Aldi Nord blockiert: Ohne Zustimmung aller drei Stiftungsvorstände kann kein Beschluss von Bedeutung gefasst werden.

Nach jetziger Rechtslage dürfen Bertholds Erben allein über die Zuwendungen aus der Jakobus-Stiftung bestimmen. In drei Tranchen wurden seit dem Tod des Vaters 75 Millionen Euro ausgeschüttet, davon 45 Millionen Euro für die jungen Leute. Jedes Kind erhält zudem ein monatliches Taschengeld von 7500 Euro.

Auch die Mama muss nicht darben. Ihr hat die Stiftung bislang 30 Millionen Euro überwiesen. Obendrein bekommt sie seit 2012 eine testamentarisch festgelegte Apanage von einer Million Euro pro Jahr.

Da ihr niemand mehr verbieten kann, ihren Reichtum zu zeigen, führt Babette Albrecht nun ein Leben im Überfluss, und zwar in aller Öffentlichkeit. Bei den Verkäuferinnen in den Edelboutiquen Düsseldorfs ist sie längst namentlich bekannt, sie schicken ihr Kosmetik, Kleider und Klunker per Boten nach Hause. "Mehr als zehn Tüten auf einmal kann schließlich niemand tragen", ätzt eine Bekannte.

Aldi-Familiendrama: Gericht verkündet Urteil im Aldi-Streit

Gelegenheiten, die erworbenen Statussymbole vorzuführen, bieten sich reichlich. Die "Hausfrau aus Essen", wie sie sich selbst tituliert, feiert auf dem Rosenball in Berlin, den die Bertelsmann-Herrscherin Liz Mohn ausrichtet. Sie sitzt bei der Fernsehshow "Let's Dance" in der ersten Reihe und trinkt ein Gläschen bei der Blue Motion Night anlässlich der Düsseldorfer Boot-Messe.

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Im vergangenen Jahr gönnte sich die Milliardärswitwe erstmals einen Besuch des Oktoberfestes, so sichtbar wie eben nur möglich: Hoch oben auf dem Festwagen des Gastronomen Michael Käfer zog sie auf der Wiesn ein, gemeinsam mit ihrem Begleiter, dem Münchner Rechtsanwalt Wolfgang Seybold. Später schauten sich die beiden in der Allianz Arena das Bundesligaspiel Bayern München gegen Ingolstadt an. Am nächsten Tag ging's zum Frühstück mit der Autovermieterin Regine Sixt und ihren Freunden in den "Bayerischen Hof", abends noch einmal ins Käfer-Zelt.

Das pralle Leben eben.

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