Montag, 11. Dezember 2017

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Streit der Discounter-Milliardäre Die Rebellin - wie Babette Albrecht den Aldi-Clan aufmischt

Streitlustig: Babette Albrecht, Witwe von Berthold Albrecht, mit dem Münchener Rechtsanwalt Wolfgang Seybold
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Streitlustig: Babette Albrecht, Witwe von Berthold Albrecht, mit dem Münchener Rechtsanwalt Wolfgang Seybold

6. Teil: Hohe Ausschüttung der Stiftungen - warum die Erben sich entmachtet fühlen

Konkret geht es dabei um drei Stiftungen, die sämtliche Unternehmensanteile an Aldi Nord halten und deren Vorstände alle strategischen und wichtigen personellen Entscheidungen, die den Discounter angehen, einstimmig treffen müssen. Zudem legen sie die Zuwendungen an die Familien fest (siehe Kasten).

Erben vor Gericht
Bei den Rechtsstreitigkeiten unter den Albrecht-Stämmen geht es um den Einfluss in den Familienstiftungen
Wem Aldi Nord gehört
Der Discounter hat mit einem Umsatz von 36 Milliarden Euro und einem Nettogewinn von rund einer Milliarde Euro ein Rekordjahr hinter sich. Aldi Nord zählt zu den größten und wertvollsten Konzernen in Familienhand. Es gäbe also allen Grund zur Zufriedenheit. Doch unter den Nachfahren des Patriarchen Theo Albrecht senior ist ein erbitterter Streit über Macht und Geld ausgebrochen. Dabei gehört das Unternehmen den beiden Albrecht-Stämmen - streng genommen - überhaupt nicht mehr. Alle Anteile wurden vor vielen Jahren in drei Stiftungen (siehe Grafik) eingebracht, die ihren Sitz im schleswig-holsteinischen Nortorf haben.
An wen die Erträge fließen
Die Familienmitglieder sind Destinatäre der Stiftungen. Das heißt: Sie bekommen laufende Zuwendungen aus den Unternehmenserträgen. Über die Zahlungen beschließen die Stiftungsvorstände. Bei wichtigen Entscheidungen des Discounters müssen sich die Vorstände einig sein, sonst kommt es zur Blockade.
Wer vor Gericht gezogen ist
Um zwei dieser Stiftungen gibt es Disput. Die Kinder von Theo Albrechts 2012 verstorbenem Sohn Berthold haben die staatliche Stiftungsaufsicht gleich zweimal verklagt.
Warum die Erben sich entmachtet fühlen
Im ersten Fall geht es um eine Satzungsänderung bei der Jakobus-Stiftung, die von der Behörde genehmigt wurde. Ende 2010 hatte der Stiftungsvorstand beschlossen, dass die Destinatäre nach dem Tod Berthold Albrechts nur noch zwei Sitze in dem Gremium haben - statt wie vorher bis zu drei. Damit hätten Berthold Albrechts Hinterbliebene keine Chance mehr gehabt, den Vorstand mehrheitlich aus den eigenen Reihen zu besetzen. Die Stiftung, vertreten durch zwei Töchter Bertholds, klagte gegen die Entmachtung der Familie. Das Verwaltungsgericht Schleswig hob die Satzungsänderung auf, sie sei fehlerhaft zustande gekommen. Zum Missfallen von Berthold Albrechts Bruder Theo junior genehmigen sich die Kläger nun selbst Ausschüttungen aus der Jakobus-Stiftung und wirken an wichtigen Entscheidungen des Unternehmens mit.
Was die Nachkommen wissen wollen
Der zweite Fall betrifft die Markus-Stiftung, zu deren Destinatären sämtliche Abkömmlinge des verstorbenen Theo Albrecht senior sowie dessen Witwe Cilly gehören. Berthold Albrechts Kinder fordern Einblick in die Akten, da sie weder die Satzung kennen noch wissen, wer dort im Vorstand sitzt. Doch bisher verweigerte die Stiftung jede Information, und die Behörde gab ihr recht. Auch gegen diesen Beschluss klagten Bertholds Nachkommen, unterlagen aber vor dem Verwaltungsgericht.
Wie der Streit weitergeht
Sowohl das Jakobus- als auch das Markus-Verfahren ging in die Berufung. Nun muss das Oberverwaltungsgericht Schleswig entscheiden, was allerdings kaum vor Ende 2017 zu erwarten ist.

Die Mitwirkung von Bertholds Nachkommen im Kreis dieser Stiftungen wollen Theo und seine Mutter Cilly so weit wie möglich einschränken. Dagegen wehrt sich Babette, insbesondere bei der Jakobus-Stiftung, die allein ihr und ihren Kindern zuzurechnen ist.

Der Vorstand der Jakobus-Stiftung hatte 2010 mit einer Satzungsänderung den Einfluss von Bertholds Familie reduziert - und dies mit der Unterschrift des schon todkranken Berthold Albrecht. Die Neufassung sei nichtig, behauptet die Witwe im Januar 2016 in einem Brief an die Stiftungsaufsicht.

"Mit der Auflage strengster Vertraulichkeit" beschreibt Babette Albrecht den damaligen geistigen Zustand ihres Gatten. Seine Krankheit, teilte sie mit, habe "zu einer Persönlichkeitsveränderung und Beeinträchtigung seiner intellektuellen Fähigkeiten und seiner Kritikfähigkeit geführt". Mithin sei ihr Mann 2010 nicht mehr geschäftsfähig gewesen. Theo Albrecht, der seinen Bruder zu jener Zeit mehrfach gesehen haben will, bestreitet diese Darstellung vehement.

Einen vorläufigen Erfolg hat Urban für seine Mandanten erreicht - ohne dass aber die Geschäftsfähigkeit des Stifters eine Rolle gespielt hätte. Seine Kinder können bei der Jakobus-Stiftung bis zum Urteil der Berufungsinstanz ihren Willen durchsetzen. Von den fünf Nachkommen Bertholds sitzen derzeit drei Töchter, 27 und 25 Jahre alt, im Stiftungsvorstand. Alle drei haben ihre Studien abgeschlossen. Das Verhältnis der Sprösslinge zu ihrer Mutter scheint gut zu sein. Man trifft sich im Essener Elternhaus und geht zuweilen gemeinsam auf Reisen. Auch in der Mandatierung von Rechtsanwalt Urban ist sich Babette mit ihren Kindern völlig einig. Er hatte sie schon in den Achenbach-Verfahren vertreten.

Der Streit um die Stiftungen zieht sich möglicherweise noch über Jahre hin. Derzeit ist Theos Seite auf das Wohlwollen seiner Nichten angewiesen, was bislang kein Problem war. Sobald sie sich aber querlegen würden, wäre Aldi Nord blockiert: Ohne Zustimmung aller drei Stiftungsvorstände kann kein Beschluss von Bedeutung gefasst werden.

Nach jetziger Rechtslage dürfen Bertholds Erben allein über die Zuwendungen aus der Jakobus-Stiftung bestimmen. In drei Tranchen wurden seit dem Tod des Vaters 75 Millionen Euro ausgeschüttet, davon 45 Millionen Euro für die jungen Leute. Jedes Kind erhält zudem ein monatliches Taschengeld von 7500 Euro.

Auch die Mama muss nicht darben. Ihr hat die Stiftung bislang 30 Millionen Euro überwiesen. Obendrein bekommt sie seit 2012 eine testamentarisch festgelegte Apanage von einer Million Euro pro Jahr.

Da ihr niemand mehr verbieten kann, ihren Reichtum zu zeigen, führt Babette Albrecht nun ein Leben im Überfluss, und zwar in aller Öffentlichkeit. Bei den Verkäuferinnen in den Edelboutiquen Düsseldorfs ist sie längst namentlich bekannt, sie schicken ihr Kosmetik, Kleider und Klunker per Boten nach Hause. "Mehr als zehn Tüten auf einmal kann schließlich niemand tragen", ätzt eine Bekannte.

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Gelegenheiten, die erworbenen Statussymbole vorzuführen, bieten sich reichlich. Die "Hausfrau aus Essen", wie sie sich selbst tituliert, feiert auf dem Rosenball in Berlin, den die Bertelsmann-Herrscherin Liz Mohn ausrichtet. Sie sitzt bei der Fernsehshow "Let's Dance" in der ersten Reihe und trinkt ein Gläschen bei der Blue Motion Night anlässlich der Düsseldorfer Boot-Messe.

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Im vergangenen Jahr gönnte sich die Milliardärswitwe erstmals einen Besuch des Oktoberfestes, so sichtbar wie eben nur möglich: Hoch oben auf dem Festwagen des Gastronomen Michael Käfer zog sie auf der Wiesn ein, gemeinsam mit ihrem Begleiter, dem Münchner Rechtsanwalt Wolfgang Seybold. Später schauten sich die beiden in der Allianz Arena das Bundesligaspiel Bayern München gegen Ingolstadt an. Am nächsten Tag ging's zum Frühstück mit der Autovermieterin Regine Sixt und ihren Freunden in den "Bayerischen Hof", abends noch einmal ins Käfer-Zelt.

Das pralle Leben eben.

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