Dienstag, 12. Dezember 2017

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Streit der Discounter-Milliardäre Die Rebellin - wie Babette Albrecht den Aldi-Clan aufmischt

Streitlustig: Babette Albrecht, Witwe von Berthold Albrecht, mit dem Münchener Rechtsanwalt Wolfgang Seybold
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Streitlustig: Babette Albrecht, Witwe von Berthold Albrecht, mit dem Münchener Rechtsanwalt Wolfgang Seybold

4. Teil: Zugang zur Promiszene

Der Kunsthändler kam alsbald mit den Albrechts ins Geschäft. Er besorgte Skulpturen und Gemälde, mal einen Kokoschka, ein andermal einen Picasso. Babette konnte den Werken, die sie abschätzig "die Dinger" nennt, nicht viel abgewinnen. Ihr war etwas ganz anderes wichtig: Achenbach und seine Frau führten die Albrechts in eine Gesellschaft ein, zu der sie bis dahin keinen Zugang hatten. Gemeinsam besuchten sie Vernissagen, reisten zur Art Basel nach Miami Beach oder nahmen an einem Galadinner im Wolfsburger Kunstmuseum teil.

An jenes Abendessen im März 2009 erinnert sich Dorothee Achenbach noch gut. Babette Albrecht sei "regelrecht aufgeblüht" und habe es "sehr genossen", inmitten Prominenter wie Martin Winterkorn oder Carsten Maschmeyer und dessen Frau, der Schauspielerin Veronica Ferres, zu speisen. Babette saß fröhlich plaudernd neben Startrompeter Till Brönner.

Ein paar Monate nach der Sause in Wolfsburg nahm Achenbach seine Freunde erstmals zu einer Oldtimer-Schau mit - den Schloss Bensberg Classics. Berthold Albrecht war ganz hingerissen von den Autos. Fortan musste Achenbach ihm fast im Quartalsrhythmus einen wertvollen Wagen liefern, darunter einen Mercedes 540 k für zwölf Millionen Euro, eine Spezialanfertigung für Alfried Krupp von Bohlen und Halbach.

In diesen Tagen wusste Berthold bereits, dass er schwer krank war und nicht mehr allzu lang zu leben hatte. Er nahm jetzt kaum mehr Rücksicht auf die stets zur Bescheidenheit mahnende Familie und stellte wie andere Superreiche sein Vermögen zur Schau. Mit der Gattin flog er zu Oldtimerparaden nach Kuwait, an den Comer See oder ins kalifornische Pebble Beach, wo Autoliebhaber mit ihren Prachtstücken vorfahren und dafür Auszeichnungen einheimsen.

Babette jubiliert, Cilly und Theo sind außer sich

Babette jubilierte, Cilly Albrecht und Sohn Theo waren außer sich. Immer häufiger gab es Ärger. Babette und Berthold zogen sich mehr und mehr zurück. Manchmal quartierten sie sich wochenlang im "Grand Hotel Quellenhof" im Schweizer Kurort Bad Ragaz ein - auch weil Berthold sich dort Linderung seines Leberleidens erhoffte. Die Krankheit ließ sich aber nicht stoppen. Am 26. November 2012 starb er in einem Spital im benachbarten Chur.

Der Tod ihres Mannes bedeutete für Babette eine Zäsur, die tiefer war als bei anderen Ehepaaren. Die Frau, die seit ihrer Hochzeit von der Familie gegängelt worden war, ließ sich von Stund an nichts mehr sagen. Mehr noch: Sie schien die Verwandtschaft bewusst verletzen zu wollen. "Meine Tochter hat viele guten Eigenschaften", sagt Yvonne Schönbohm-Rosendahl, "aber sie kann nur schwer verzeihen."

Babettes neue Härte bekam als Erster der Anwalt Emil Huber (73) zu spüren, ein enger Vertrauter der Albrechts. Ihn informierte sie telefonisch vom Ableben ihres Mannes - und darüber, dass die Trauerfeier nicht in Essen, wie es die Familie erwartete, sondern in Chur stattfinden werde.

Wer zu der Zeremonie gebeten war und wer nicht, darüber gehen die Darstellungen auseinander. Huber teilt in einem Schriftsatz mit, er sei von Babette Albrecht unterrichtet worden, "dass weder die Schwiegermutter noch ihr Schwager bei der Trauerfeier erwünscht seien". Dem widerspricht die andere Seite: Babette habe sich gewundert, dass die Mutter und der Bruder ihres Mannes ihm nicht die letzte Ehre erweisen wollten. Jedenfalls reiste Huber allein in die Schweiz.

Es war ein sehr kleiner Kreis, der da in Chur Abschied nahm. Weder waren Angehörige der Aldi-Süd-Sippe dabei noch die Achenbachs, die Berthold so nahe standen. Das Ritual gestaltete Babette ganz nach ihrem Gusto - statt Chor und Streichquartett ertönte Popmusik.

Wo die Urne ihres Sohnes liegt, weiß Mutter Cilly bis heute nicht. Sie hatte Berthold im Familiengrab auf dem Friedhof Essen-Bredeney beisetzen wollen, doch die Schwiegertochter wählte einen Ort, den nur sie und die Kinder kennen.

Auch was die Todesanzeige anging, ließ sich Babette nichts vorschreiben. Sie setzte einen weitschweifigen Text auf und schrieb darunter: "In ewiger Liebe und Dankbarkeit, Babette Albrecht mit Kindern und Familienhund". Ein Weggefährte Bertholds berichtet, dass es Huber mit Mühe schaffte, am Schluss die Worte "... sowie die gesamte Familie Albrecht" einzufügen. Die seltsam anmutende Erwähnung des hinterbliebenen Pudels konnte er nicht verhindern. Der Nachruf erschien ganzseitig in überregionalen Tageszeitungen.

Ende November 2012 eröffnete Huber im Beisein der Witwe und ihrer Kinder das handschriftliche Testament Berthold Albrechts. Die Gattin erhielt als Vermächtnisnehmerin die Guthaben auf den privaten Konten, mehrere selbst genutzte Immobilien inklusive Inventar, die Kunstwerke und die Oldtimersammlung. Den Rest des Privatvermögens bekamen die fünf Nachkommen. Bertholds Anteile am Unternehmen waren schon lange in Stiftungen eingebracht, deren Nutznießer Babette und die Kinder sind.

Der Erblasser hatte Testamentsvollstreckung angeordnet - und zwar bis die jüngste Tochter 2030 das 38. Lebensjahr vollendet haben würde. Als gemeinsame Vollstrecker waren Aldi-Nord-Chef Marc Heußinger (51) und Rechtsanwalt Huber vorgesehen, der die Albrechts 40 Jahre lang als Partner der Essener Kanzlei Schmidt, von der Osten & Huber in allen juristischen Belangen vertreten hatte. 2013 verließ er die Sozietät und stellte sich ganz in die Dienste von Aldi Nord.

Huber wollte die Testamentsvollstreckung nur übernehmen, wenn Babette und ihre Sprösslinge ein von ihm verfasstes Memorandum of Understanding unterschrieben. Darin hieß es, dass die Kinder und ihre Mutter "ihre Lebensführung - soweit sie für die Öffentlichkeit sichtbar wird - immer an den Erforderlichkeiten des Unternehmens-Leitbildes von Aldi" orientieren sollten. Ein Verhalten, das sich mit dem Leistungsgedanken nicht vereinbaren lasse, konstatierte Huber, "führt beim Unternehmen ggf. zu einer nachhaltigen Beschädigung des Images und letztlich auch zu Umsatzeinbußen".

Eine derartige Selbstverpflichtung empfanden Bertholds Angehörige als Zumutung. Sie mobilisierten den Juristen Andreas Urban (61) von der Düsseldorfer Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek. Er war seit der Tanzstundenzeit mit Berthold Albrecht befreundet gewesen und hatte auch die Festrede bei der Hochzeit gehalten.

Urban schickte Huber einen korrigierten Entwurf des Memorandums zurück. Die Benimmregeln lehnte er mit dem Hinweis ab, dass sie das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit einschränkten. Überdies sprach er Huber die Eignung als Testamentsvollstrecker ab und wies dessen Entgeltforderung zurück. Schließlich verzichtete Huber entnervt auf den Posten. Zuvor hatte bereits Heußinger wegen möglicher Interessenkonflikte abgewinkt.

Da Berthold keinen Ersatzkandidaten benannt hatte, konnte Urban das Amtsgericht Essen davon überzeugen, gar keinen Testamentsvollstrecker einzusetzen. Damit entfiel auch die vorgesehene langjährige Bevormundung der Kinder. Babette triumphierte - ihr Einfall, mit Urban einen besonders gewieften, auf Familienunternehmen spezialisierten Anwalt zu mandatieren, war goldrichtig gewesen.

Die Gegenseite war weniger begeistert. Insbesondere Theo, der bei Aldi Nord in allen Belangen das letzte Wort beansprucht, ärgerte sich, dass er Babette nicht so steuern konnte, wie er es von seinem Bruder gewohnt war. Er argwöhnte, dass Urban den Konflikt sogar anheizte, im eigenen Honorarinteresse.

Der Ton zwischen den Parteien wurde im Jahr 2013 immer rauer. Beide Seiten machten einander in zahllosen Briefen und Schriftsätzen heftige Vorwürfe. Theo beschimpfte Babette, es sei "nicht nur pietätlos, sondern in hohem Maße unanständig, wie Du Bertholds letztwillige Anordnungen bekämpfst". Urban zieh er, ständig die Tatsachen zu verdrehen. Der wiederum nannte Theos Einlassungen oberlehrerhaft.

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