Donnerstag, 18. Oktober 2018

Factor Investing - Absicherungs-Strategie im Abschwung Eine Medizin gegen den persönlichen Finanz-Crash

Factor Investing: Platz-Angst
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Die neue Geldanlagemethode soll Investoren vor einem bösen Erwachen im nächsten Crash bewahren - ohne bis dahin auf Rendite zu verzichten. Ist das realistisch?

Manchmal hilft Twitter Börsen-Chart zeigen sogar bei der Geldanlage. Als sich Hedgefondsmilliardär Cliff Asness (51) und Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler (72) Ende Oktober verbal duellierten, ging es um die Grundfrage aller Investoren: Kann ich schlauer sein als der Markt und zum richtigen Zeitpunkt ein- oder aussteigen?

Der Ökonom und Verhaltensforscher Thaler meint: nein. Und spottet über alle, die anderer Meinung sind: "Man sollte nur Aktien kaufen, deren Kurse sicher wieder steigen."

Asness, Gründer des Hedgefonds Applied Quantitative Research (AQR), wirbt jedoch damit, den perfekten Zeitpunkt zum Hoch- und Runterfahren der Aktienquote vorhersagen zu können. Seine Jünger sind zahlreich, er verwaltet 200 Milliarden Dollar Anlegervermögen.

Schon einmal hat Asness eine von Forschern als irre verschriene Investmentstrategie zu einem Renditetreiber gemacht: Momentum-Investing, bei dem Anleger genau das kaufen, was kürzlich erst gestiegen und somit teurer ist. Die Antischnäppchenstrategie, sozusagen. Nun will der Hedgefonds-guru seine Anleger mit einem völlig neuen Analyseverfahren beglücken: Factor Investing. Geldhäuser wie die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen nehmen die Methode ernst, feiern sie bereits als "die dritte Generation der Anlagestrategie".

Modelle, die auf Risikofaktoren zielen

Bei der ersten war noch die richtige Quote zwischen Aktien und Anleihen entscheidend. Beim Techaktien-Crash des Jahres 2000 brachte sie den Investoren jedoch schmerzhafte Verluste ein. In ihrer Not wandten sich viele Pensionsfonds und Versicherer der zweiten Asset-Allocation-Generation zu: dem Modell des Yale-Stiftungsfonds, der Private-Equity- und Hedgefondsanteile untermischt.

Als die Vermögenswerte in der Finanzkrise trotzdem wegknickten, musste eine neue Lösung her. Seither stehen Modelle hoch im Kurs, die auf die Risikofaktoren abzielen. Das bedeutet: Anleger sollen direkt auf die Prämien schauen, die sie dafür bekommen, dass sie bestimmte ökonomische Risiken eingehen.

Smarte Geldverwalter, allen voran der mehr als 1000 Milliarden Dollar schwere norwegische Staatsfonds, denken schon in solchen Kategorien. Weltmarktführer Blackrock heuerte Andrew Ang von der Columbia University an, der Ökonom hatte zuvor die Norweger bei ihrer Strategie beraten.

Mit den Faktormodellen soll es endlich gelingen, die verheerende Endlosschleife aus Spekulations-blasen und darauf folgenden Marktimplosionen zu beenden. Den überforderten Anlegern soll geholfen werden, im Fall eines Abschwungs Kursverluste zu begrenzen. Denn nach acht Jahren Kursrallye blähen sich in vielen Marktsegmenten wieder gefährliche Blasen auf.

  • Europäische Staatsbonds gelten als grotesk überbewertet. Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit bringen nur noch 0,4 Prozent Rendite ein. Die Bondkäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) führen zu gigantischen Fehlbewertungen: Italien zahlte Anlegern zuletzt niedrigere Zinsen als die USA (siehe Grafik), obwohl die Regierung in Rom gemessen an der Wirtschaftskraft viel höher verschuldet ist als die in Washington. Bei den Parlamentswahlen, die bis Mai 2018 erfolgen müssen, könnten Italiens Euro-Feinde stärkste Fraktion werden: Die Fünf-Sterne-Bewegung liegt in Umfragen bei 27 Prozent der Stimmen. Risiko und Rendite haben sich entkoppelt.
  • Unternehmensbonds sind ebenfalls absurd teuer. Selbst bei Trash-Anleihen ist nur noch das Risiko hoch, nicht mehr der Zins. Hochriskante Wachstumsunternehmen bekommen Geld fast geschenkt. Netflix Börsen-Chart zeigen etwa wurde seine Anleihe im Mai für 3,6 Prozent los - obwohl der Streamingdienst pro Quartal eine halbe Milliarde Dollar verbrennt und Rechteinhaber wie Disney Filme und Serien abziehen, um damit direkt in Konkurrenz zu gehen. Wer an Netflix glaubt, sollte besser die Aktie kaufen, denn Bondhalter teilen nicht den Gewinn, sondern nur die möglichen Verluste. Dass solche Anleiheemissionen durchgehen, sollte den Anlegern eine Warnung sein, so Oaktree-Gründer Howard Marks, der seit Juli das Risiko in seinen Fonds eindämmt.
  • US-Aktien gelten inzwischen als höchst absturzgefährdet. Sie kosten das 30-Fache des jährlichen Durchschnittsgewinns der vergangenen Dekade und waren nur vor den Crashs 1929 und 2000 teurer. Einige Techlieblinge ähneln fast Heißluftballons, der Elektroautobauer Tesla Börsen-Chart zeigen ist an der Börse mehr wert als Gigant Ford, trotz der massiven Probleme mit dem Massenmodell 3. Ganze 260 Fahrzeuge wurden im dritten Quartal fertig, die Arbeiter mussten bestimmte Karosserieteile mit Gummihämmern formen. Massenherstellung sei "tatsächlich eine Kunst", sagt Hedgefondslegende David Einhorn. Greenlight Capital ging vor den Crashs von 2000 und 2008 gezielt bei Hype-Werten short. Aktuell seien Tesla, Netflix und Amazon Börsen-Chart zeigen seine "drei bekanntesten Bubble-Shorts", sagt Einhorn.
  • Die vielleicht gefährlichste Entwicklung spielt sich gerade bei Kryptowährungen wie Bitcoin ab. Mehr als 160 Milliarden Dollar haben Spekulanten dort investiert, die unregulierten Handelsplattformen sind extrem anfällig für Hackerangriffe. Zudem sind die Digitalwährungen beliebig vermehrbar, weil jeder eine eigene gründen kann. "Das wird die größte Blase unserer Zeit", warnt Mike Novogratz, Gründer des auf Kryptogeld fokussierten Hedgefonds Galaxy.

Horrende Preise finden sich in unterschiedlichsten Assetklassen. Wie also können sich Anleger davor schützen, dass ihre Vermögen nicht dem nächsten Rückschlag zum Opfer fallen? Ganz gezielt gegen die Blasen wetten? Oder einfach nur raus aus Aktien?

Nein, sagt AQR-Gründer Cliff Asness. Er rät dazu, mehrere Faktorstrategien so zu kombinieren, dass sie das Verlustrisiko minimieren. Damit ließen sich die "schlimmsten Schmerzen vermeiden" und im Idealfall sogar die Renditen steigern.

Mit diesem Versprechen gewinnt Asness auch hierzulande immer mehr Kunden. Bei seinem Besuch in Frankfurt zu Jahresbeginn waren mehrere Dutzend Großanleger ins Hotel "Jumeirah" hinter der Hauptwache gekommen, um ihn zu sehen. "Viele davon Bewunderer, die begeistert waren, ihrem Gott einmal so nahezukommen", sagt ein Investmentberater.

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