Freitag, 30. September 2016

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Energiewende Nachbarn erklären Deutschland den Stromkrieg

Die Energiewende in Deutschland führt zu Störungen im europäischen Stromnetz - Deutschlands Nachbarn kontern nun mit Gegenmaßnahmen
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Die Energiewende in Deutschland führt zu Störungen im europäischen Stromnetz - Deutschlands Nachbarn kontern nun mit Gegenmaßnahmen

Deutschland betreibt den Umstieg auf grünen Strom ohne Rücksicht auf die Nachbarländer. Jetzt wehren sich Polen, Tschechien & Co. Ein Bericht aus der Kampfzone.

Hamburg - Ortstermin in Neuenhagen: Eine Stunde Bahnfahrt östlich von Berlin reihen sich adrette Häuschen unter mächtigen Alleebäumen aneinander. An der Haltestelle tauschen sich ältere Damen über den Dorfklatsch aus, der Busfahrer wartet auf den vom verspäteten Zug heranhetzenden Besucher.

Nichts weist darauf hin, dass am Ortsausgang gegenüber dem Discountmarkt die Kampfzone beginnt. Hinter einem streng bewachten Zaun fechten die Mitarbeiter in der Leitstelle des Netzbetreibers 50Hertz eine nervenaufreibende Konfrontation aus: Ökostrom von der deutschen Küste verdrängt im polnischen Netz die Elektrizität aus den dortigen Kohlekraftwerken.

Das mag, oberflächlich betrachtet, nach europäischer Energiepolitik aussehen. In Wirklichkeit entlädt sich hier ein ernster zwischenstaatlicher Konflikt.

Hoch konzentriert beobachten die Stromwächter in der durch einen Handvenen-Scanner gesicherten Hightech-Kommandozentrale die gigantische Monitorwand, die die aktuellen Stromflüsse zwischen Ostsee und Thüringer Wald, zwischen den neuen Bundesländern und ihren Anrainerstaaten zeigt. An Computerterminals ringen sie permanent um die Aufrechterhaltung des sensiblen Gleichgewichts der Stromflüsse.

Wenn zu viel Wind weht, schwappt Strom nach Polen

Pumpen bei steifer Brise zum Beispiel die Windräder in Mecklenburg-Vorpommern zu viel Watt in die Leitungen, schwappen diese Mengen ungeplant ins Nachbarland Polen hinüber. Dort überlasten sie das ohnehin fragile Hochspannungsnetz. Sehr zum Ärger von Henryk Majchrzak: Der Chef des polnischen Netzbetreibers PSE fürchtet um die Sicherheit der Stromversorgung seines Landes. Deshalb hat er bereits damit gedroht, die Leitungen zwischen Deutschland und Polen zu blockieren.

Dirk Biermann hingegen, Chef des Systembetriebs bei 50Hertz, versucht mit seinen Leuten in Neuenhagen die polnische Seite zu besänftigen. "Seit Deutschland die erneuerbaren Energien beschleunigt ausgebaut hat, hat sich die Zahl der Netzeingriffe stark erhöht."

An 77 Tagen hätten seine Männer 2012 zeitweise Windkraftanlagen abschalten müssen, um das Netz stabil zu halten. Auch die unerwünschten Grenzüberschreitungen hätten zugenommen. Zeitweise habe die ungeplante Ausfuhr Richtung Polen mehr als 1500 Megawatt betragen - was etwa der Produktion von zwei Atomkraftwerken entspricht.

Ein unsichtbarer Krieg tobt in Europa. Nicht nur an den deutsch-polnischen Übergängen ("Interkonnektoren") zwischen Hagenwerder und Mikulowa sowie Vierraden und Krajnik, die von Neuenhagen aus kontrolliert werden, kommt es immer häufiger zu Übergriffen von grüner Energie aus Deutschland auf die Leitungskapazitäten der Nachbarn.

Auch in Tschechien, der Slowakei und in Ungarn überrollt deutscher Windstrom das Elektrizitätsnetz und stört dessen empfindliche Balance.

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