Montag, 19. November 2018

Energiewende Nachbarn erklären Deutschland den Stromkrieg

Die Energiewende in Deutschland führt zu Störungen im europäischen Stromnetz - Deutschlands Nachbarn kontern nun mit Gegenmaßnahmen
manager magazin
Die Energiewende in Deutschland führt zu Störungen im europäischen Stromnetz - Deutschlands Nachbarn kontern nun mit Gegenmaßnahmen

4. Teil: Invasion der deutschen Windenergie

Noch hat die Invasion der deutschen Windenergie in Europas Netzen nicht zum Totalzusammenbruch geführt. "Aber wir müssen uns heute um ein Vielfaches stärker anstrengen, um einen Blackout zu verhindern", sagt Martin Fuchs, Vorstand des für den Nordseestrom zuständigen Netzbetreibers Tennet. Immer häufiger würden die Sicherheitsmargen in den Kontrollstellen bis an den Rand ausgereizt.

Eine solche Dauerbelastung der Systeme ist nicht nur brandgefährlich für die Versorgung einer der wichtigsten Wirtschaftsregionen der Welt. Sie kostet die Netzbetreiber auch viel Geld. Um die Spannung auf ihren Trassen immer konstant bei 50 Hertz zu halten, müssen die Leitzentren an der Ausweichstrecke von Nord nach Süd immer öfter eigene Kraftwerkskapazitäten abschalten, weil ungeplant Ökoelektronen aus Deutschland passieren.

Diese im Fachjargon Redispatch genannten Eingriffe müssen ebenso bezahlt werden wie der steigende Wartungsbedarf und der höhere Verschleiß der Anlagen.

Ceps-Vorstand Boldis etwa berechnet für die Transitströme aus Deutschland Zusatzausgaben in Höhe von mehreren Milliarden Tschechischen Kronen - dreistellige Millionenbeträge in Euro. Und wenn sein Netz bis zum Rand mit Fremdstrom gefüllt ist, kann er an der Freisinger Kapazitätsbörse Central Allocation Office (CAO) keine Transporte offerieren und dafür bei den Auktionen kassieren. Ganz abgesehen von dem Ärger mit den tschechischen Kraftwerken, die so aus dem Markt gedrängt werden.

Gegendruck zum deutschen Grünstrom

Wenig verwunderlich also, dass die Netzbetreiber in den unfreiwilligen Durchgangsländern schon mal Wolfgang Anzengruber um Schützenhilfe bitten. Der Vorstandsvorsitzende des österreichischen Energiekonzerns Verbund soll dann mal schnell ein Kraftwerk hochfahren, um im Netz Gegendruck zum deutschen Grünstrom aufzubauen. Dann wieder bitten ihn deutsche Netzbetreiber, je nach Erfordernis für Entspannung zu sorgen oder Druck aufzubauen. Österreich dient als eine Art energiestrategische Pufferzone.

Blitzschnelle Aktionen sind eine - lukrative - Spezialität der Alpenländer. Mit ihren Pumpspeicherkraftwerken in den Bergen können sie innerhalb von 90 Sekunden einspringen. Dennoch wettert der Verbund-Chef gegen die vielen Interventionen: "Statt einmal alle drei Tage müssen wir heute dreimal am Tag agieren - nur wegen der Skurrilitäten der deutschen Energiewende. Das macht die Stromversorgung nicht sicherer."

Richtig in Rage redet sich der Strommanager: Die mehr als fragwürdigen Auswüchse am Strommarkt zwingen ihn, sein modernstes Gaskraftwerk in der Steiermark abzuschalten. Stattdessen muss er die Uraltanlage daneben mit Schweröl hochheizen. "Das ist doch Planwirtschaft der übelsten Sorte."

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