Mittwoch, 29. Juni 2016

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Management Die Rückkehr der Rentner

Chef-Etage: Power-Pensionäre an der Konzernspitze
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Pensionäre kehren als CEOs zurück, Manager über 50 sind gefragt. Headhunter schätzen das Know-How der "very experienced persons": Das neue Senioritätsprinzip verändert die Wirtschaft.

Hamburg - Der Blick in Volker Steinwaschers Kalender auf seinem Schreibtisch in Schanghai lässt weniger robuste Zeitgenossen erschauern. Flug nach Peking, Termin im Wirtschaftsministerium. Flug zur Insel Hainan, Autos testen. Ganztägiges Meeting im Werk. Wochenende geblockt für den Besuch einer Delegation chinesischer Industrievertreter. Alle anderen Tage: Meeting nach Meeting, kein Mittagessen. Für einen Blick auf die Glastürme von Pudong und den glitzernden Huangpu River bleibt kaum Zeit.

Typischer Manageralltag, nichts Besonderes eigentlich - bis auf ein winziges Detail: Steinwascher ist 70. Er könnte seit zehn Jahren im Vorruhestand gemütlich über Golfplätze schlendern, so wie die meisten seiner Ex-Kollegen bei Volkswagen Börsen-Chart zeigen. Doch der frühere USA-Statthalter des Wolfsburger Konzerns wollte das nicht, er braucht ein Projekt.

Das bekam er auch, genau genommen das aufregendste, coolste Projekt seiner Laufbahn, auf das in diesem Jahr die gesamte Autowelt schaut: Als Vice Chairman eines chinesisch-israelischen Joint Ventures baut er Qoros auf, die erste Automarke aus China, die auch auf westlichen Märkten konkurrenzfähig sein will.

Im Herbst soll das erste Modell auf den Markt kommen. Operativ verantwortlich ist der Chinese Guo Qian, doch Steinwascher wirkt als Mastermind.

Die Schmidtisierung der Wirtschaft

Ganze fünf Tage Golfplatz hatte der Manager hinter sich, als ihn 2006 per Handy die Anfrage seines Investors Idan Ofer von Israel Corp. ereilte, ob er sich nicht langweile. Da war er längst reif für neue Abenteuer: "Immer nur Bücher lesen und Urlaub machen, das muss man auch irgendwie üben." Steinwaschers Führungskraft-Gene hatten ein Leben lang anderes geübt: "etwas zu bewirken, zu verändern". Also traf er sich mit Ofer, und die Qoros-Story begann.

Wie der Autonarr im Fernen Osten seine Zeit verbringt, ist mehr als die Marotte eines Beinahepensionärs mit zu viel Benzin im Blut. Tatsächlich ist Steinwascher Trend: Statt auf Kaffeefahrten und Golfplätzen finden sich Rentner zunehmend wieder in den Unternehmen ein - bis hinauf in die Chef-Etage.

Ihr Wissen und ihr gelassener Elder-Statesman-Habitus à la Helmut Schmidt sind gefragt wie nie. Nach jahrzehntelangen Träumen von ewiger Jugend steht jetzt die Schmidtisierung der Wirtschaft an.

Manche kehren nach mehr oder weniger ausgedehnter Pause auf ihren alten Posten zurück, wie kürzlich der alte - und neue - Procter & Gamble-CEO A. G. Lafley (66). Oder Infosys-Chef Narayana Murthy, der vor Jahren den Topmanagern seines Unternehmens eine Altersgrenze von 65 Jahren verordnete - und jetzt mit jugendlichen 66 Jahren erneut an Bord ist, um den indischen IT-Dienstleister wieder auf Erfolg zu takten.

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