Dienstag, 16. Oktober 2018

Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer Heute wieder ein König

Management: Heute wieder ein König
Katrin Binner für manager magazin

Die Digitalisierung zerstörte das Geschäft der Druckmaschinenbauer in rasender Eile. Die Branche liegt am Boden, nur Koenig & Bauer wächst und gedeiht. Wie hat die Traditionsfirma das geschafft? Ein Lehrstück nicht nur für Familienunternehmen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Juni-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Mai erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Claus Bolza-Schünemann (61) wird immer noch wehmütig, wenn er an den großen Auftrag der "F.A.Z."-Druckerei Frankfurter Societät zurückdenkt. Die technischen Details weiß er auch 20 Jahre später noch auswendig, als wäre es gestern gewesen: 27 Drucktürme und 216 Druckwerke umfasste die Riesenrotation, die sich die "F.A.Z" in Mörfelden bei Frankfurt aufstellen ließ.

Bis heute ist sie eine der größten Zeitungsdruckereien Europas, gebaut von Koenig & Bauer aus Würzburg.

Fast zwei Jahrhunderte lang drehte sich bei Koenig & Bauer alles um Rotationsmaschinen. Erfunden von den Gründern Friedrich Koenig und Andreas Bauer, wurde darauf ab 1814 als erstes Blatt die Londoner "Times" gedruckt. Bis heute laufen weltweit täglich 200 Millionen Zeitungen von Koenig-&-Bauer-Maschinen.

CEO Bolza-Schünemann, ein groß gewachsener, etwas sperriger Ingenieur, ist Koenigs Urururenkel. Er und weitere Nachfahren halten noch rund 20 Prozent an dem börsennotierten Unternehmen. Die Verbundenheit der Familie mit ihrer Firma geht bis zur Namenswahl der Kinder: Bolza-Schünemanns Tante und seine Schwester heißen mit Vornamen Rota.

Dabei verdient der Konzern mit Rotationsmaschinen kaum noch Geld. Weil immer mehr Leute nur noch digital lesen, sind Druckereien zunehmend schlechter ausgelastet, neue Maschinen werden kaum mehr bestellt. Machte Koenig & Bauer vor zehn Jahren noch zwei Drittel seines Umsatzes mit Maschinen zum Drucken von Zeitungen, Katalogen, Zeitschriften oder Plakaten, so ist es heute nur noch ein Zehntel; neue Zeitungsdruckmaschinen werden quasi nicht mehr verkauft, sie bringen noch ein Prozent der Erlöse.

Dramatischer kann ein Strukturwandel kaum sein. Und doch ist Koenig & Bauer noch da. Denn das Unternehmen hat sich radikal erneuert und dabei einst übermächtige Konkurrenten abgehängt.

Heidelberger Druckmaschinen, früher die Nummer eins, musste 2009 mit Staatshilfe gerettet werden und laviert seither von Restrukturierung zu Restrukturierung; auf Dividenden warten die Aktionäre vergebens. Die damalige Nummer zwei, Manroland, ist nach der Insolvenz und Zerschlagung 2011 nur noch ein Schatten alter Größe.

Bei Koenig & Bauer dagegen wächst nicht nur der Umsatz seit zwei Jahren wieder (auf zuletzt 1,2 Milliarden Euro), auch die Gewinne sprudeln. Mit einem Überschuss von 81 Millionen Euro wurde 2017 der Vorjahresrekord annähernd erreicht; seit vergangenem Frühjahr wird auch wieder Dividende gezahlt. Der Aktienkurs hat sich seit Anfang 2015 mehr als versiebenfacht. Gemessen am Börsenwert sind nun die von Natur aus zurückhaltenden Würzburger die Größten, auch wenn sie damit auf keinen Fall prahlen wollen.

Ein Turnaround mit Vorbildcharakter. Denn wie die Drucker dem digitalen Wandel entkommen sind, lässt sich auch auf Unternehmen in anderen Branchen übertragen.

Die vielleicht wichtigste Lehre: Oft findet sich direkt neben dem ursprünglichen Kerngeschäft das neue. Und das muss nicht notgedrungen digital sein.

Als die Druckbranche nach der Finanzkrise tief in die Krise rutschte, sah es zunächst nicht danach aus, als könne sich ausgerechnet Koenig & Bauer erfolgreich aus der Negativspirale befreien. Wie anderswo gaben sich auch in Würzburg Berater und Sanierer die Klinke in die Hand, 2000 Stellen wurden quer über alle Werke abgebaut. Doch es half nichts. Ob bei Druckmaschinen für Zeitungen oder Zeitschriften, für Plakate oder Kataloge - die Märkte brachen rasanter weg, als das Unternehmen restrukturieren konnte. "Wie schnell das ging, haben wir komplett unterschätzt", sagt Bolza-Schünemann.

Mit dem Ausfall der Nachfrage stürzten die Preise. Jede verkaufte Druckmaschine brachte Verlust ein. Um die Fabriken zu beschäftigen, wurde trotzdem weiterproduziert. Stets in der Hoffnung, der Rückgang sei vielleicht doch nur temporär.

Das kleine, aber sehr profitable Spezialgeschäft mit Banknotenmaschinen hielt Koenig & Bauer am Leben, dort besaßen die Würzburger 80 bis 90 Prozent Marktanteil - fast ein Monopol.

Dann jedoch spitzte sich die Lage zu, denn die Aktionäre begannen zu rebellieren. Der Fonds Phoenix Value und die MKB Holding der österreichischen Unternehmerfamilie Hatschek drangen darauf, die Verluste aus der Rollenmaschinensparte endlich zu stoppen. Auf der Hauptversammlung im Juni 2012 entgingen Bolza-Schünemann und sein Aufsichtsratschef Dieter Rampl (70) nur knapp einer Nichtentlastung.

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