Samstag, 2. Juli 2016

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Mittelstand Industrie 4.0 - der große Selbstbetrug

Industrie 4.0: Der Mittelstand scheint überfordert
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Dirk Schleef für manager magazin

Das Schlagwort von der Industrie 4.0 ist ein großer Selbstbetrug. Vor allem der deutsche Mittelstand scheint mit der nächsten industriellen Revolution überfordert. Forschungsministerin Wanka lädt deutsche Unternehmen nach Berlin ein - derweil drängen US-Champions vor.

Hamburg - Der Mann kann beides gleichzeitig, seine Zähne putzen und sich rasieren (natürlich elektrisch). Das ist nicht nur ein beachtlicher Multitaskingnachweis. Es spart auch Zeit. So kann sich Michael ten Hompel (56) nach der Morgentoilette 4.0 rasch den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden - der nächsten industriellen Revolution zum Beispiel: "Mein Tag ist nun einmal eng getaktet, ich muss mich optimieren."

Der Wissenschaftler leitet das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, lehrt an der TU Dortmund und gilt als Wegbereiter der digitalen Vernetzung in Deutschland. Er coacht Unternehmen; mehr als 100 Projekte hat er schon betreut - die Joseph-von-Fraunhofer-Straße im Dortmunder Südwesten ist eine Pilgerstätte des neuen Industriezeitalters.

Ten Hompel ist ein unsteter Geist, obwohl er wenig Hektik ausstrahlt. Er spricht langsam, wählt die Worte mit Bedacht und trägt eine randlose, vieleckige Intellektuellenbrille. Er leidet ein wenig unter seiner Mission. Weil Ungeduld ein zentrales Bauteil seines Wesens ist: "Ich sehe die Chancen, und sie werden nicht genutzt. Es juckt einem in den Fingern, selbst tätig zu werden."

Deutschland droht industrielle Revolution 4.0 zu verschlafen

Jetzt führt er durch die ZFT-Halle, die Abkürzung steht für zellulare Fördertechnik. Alles funktioniert hier nach dem Ameisenprinzip. 50 kleine, sich selbst steuernde Transportroboter schwärmen zu ihren Futterstellen aus, den Arbeitsstationen, wo sie beladen werden, und räumen anschließend die Regale voll.

Zurzeit verhandelt Hompel mit mehreren Industrieunternehmen, wie man diese Technologie gemeinsam weiterentwickeln kann; ein paar Hunderttausend Euro müssten die schon zahlen.

Deutschland, und das treibt Ten Hompel tagtäglich an und um, droht die industrielle Revolution 4.0 zu verschlafen. Die Zukunftsfähigkeit des Landes steht auf dem Spiel, falls aus dem "digitalen Wirtschaftswunder" (Alexander Dobrindt) nichts wird.

Vor allem der Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Ökonomie, hängt durch. Derweil drängen US-Champions, die Microsofts, Amazons und Googles dieser Welt, mit all ihrer Raffinesse und Raffgier in das Business; im Geschäft mit dem Verbraucher 4.0 sind sie schon uneinholbar enteilt.

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