Montag, 17. Dezember 2018

Mittelstand Industrie 4.0 - der große Selbstbetrug

Industrie 4.0: Der Mittelstand scheint überfordert
Dirk Schleef für manager magazin

7. Teil: Klöckner: Rühls Erweckungserlebnis im Silicon Valley

Beim Stahlhändler Klöckner & Co. Börsen-Chart zeigen scheint die Einbindung der Führungsspitze besser zu klappen. Chef Gisbert Rühl (55), ein Mann, der einen Großteil seiner Karriere im ältesten Teil der Old Economy verbracht hat (Ruhrkohle, Babcock Börsen-Chart zeigen), hatte sein persönliches Erweckungserlebnis im Silicon Valley. Wall-Street-Legende und KKR-Gründer Henry Kravis (70) machte Rühl mit Kultinvestor Andreessen bekannt - Duisburg meets Menlo Park.

Die Andreessen-Leute skizzierten, totally disruptive, was dem Geschäftsmodell von Klöckner künftig so alles gefährlich werden könnte. Rühl hörte gut zu und mimt seitdem im Traditionsbetrieb (Gründungsjahr: 1906) sicherheitshalber selbst den Zerstörer.

Auf dem Weg zum digitalen Vorzeigebetrieb hat er sich mit dem Berliner Berater Etventure zusammengetan. Der hat erst einmal die Kundenwünsche analysiert, dann neue Tools entwickelt und programmiert, binnen drei Monaten. Nach herkömmlicher Methode "hätten wir anderthalb Jahre gebraucht", sagt Rühl.

Wie Klöckner künftig Stahl verkaufen will

Jetzt will er Stahl online verkaufen. In den Niederlanden hat er angefangen, noch in diesem Jahr ist Deutschland an der Reihe. Als er die besonders traditionsbehafteten US-Stahlbosse bei deren Branchentreff in Colorado Springs auf diese Idee ansprach, erntete er nur mitleidiges Kopfschütteln. Denn Stahl wird heute in weiten Teilen noch fast wie zu Carnegies Zeiten gehandelt: per Telefon und Fax. Regionale Zwischenlager überall auf der Welt treiben die Kosten. Ein Webshop, so Rühls Kalkül, würde die Gewinnmarge des Konzerns, der gerade erst der Sanierung entwachsen ist, um 1 Prozentpunkt anheben - derzeit liegt sie bei 3 Prozent.

Einen "kleinen zweistelligen" Millionenbetrag wird er 2015 in Industrie 4.0 stecken, bei Gesamtinvestitionen von 70 Millionen Euro. Am Ende der Reformkette soll eine gemeinsame Stahlhandelsplattform stehen, die Daten von Lieferanten und Kunden enthält; über die der intelligente Stahlträger irgendwann selbst seinen eigenen Nachschub ordert.

Braucht man dann Klöckner noch? "Einer muss das Ganze organisieren", sagt Rühl. "Das könnten wir sein."

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