Freitag, 30. September 2016

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Mittelstand Industrie 4.0 - der große Selbstbetrug

Industrie 4.0: Der Mittelstand scheint überfordert
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Dirk Schleef für manager magazin

4. Teil: Mittelstand verschläft digitale Revolution - Bosch, Siemens und SAP preschen vor

Die deutschen Großkonzerne scheinen noch am besten gefeit gegen ein drohendes digitales Desaster. Siemens Börsen-Chart zeigen, Bosch oder SAP Börsen-Chart zeigen haben das Thema frühzeitig für sich entdeckt. Der Münchener Elektrogigant zeigt stolz seine Fabrik der Zukunft her, im oberpfälzischen Amberg; der Autozulieferer Bosch ist Weltmarktführer für Sensoren; und SAP entwickelt sich zur Cloud-Company, mit angeschlossenem Datenturbo namens Hana.

Doch seit Jahren prägen die immer gleichen Leuchtturmprojekte die Diskussion, es kommt nichts Respektables nach. Und: In vielen Paradefällen steckt mehr Folklore als Geschäft.

Bei Siemens Börsen-Chart zeigen droht die 4.0-Offensive in der kaeserschen Runderneuerung gebremst zu werden: Neue Zuständigkeiten und Eifersüchteleien zwischen 4.0-Office und Forschungsressort schaden dem Fortschrittsgeist. Und die viel gepriesene Forschungskooperation von Siemens und Deutscher Telekom beeindruckt vor allem als kommunikative Glanzleistung, weniger als technologisches Wunderwerk.

Die Autohersteller, so vertraut ihnen das vernetzte Denken auch seit Jahren ist, tun sich ebenfalls schwer, je konkreter es wird. VW etwa hat hochwertige 4.0-Komponenten in die Produktion des neuen Golf eingebaut. Die funktionieren aber noch nicht gut genug; auch deshalb konnten die erhofften Fertigungsziele in den Werken Wolfsburg und Zwickau nur mit erheblicher Verzögerung erreicht werden.

Hoher Investitionsbedarf - Mittelständler zögern

Es ist in erster Linie der Mittelstand, der bei der digitalen Revolution zurückhängt. "Industrie-4.0-Lösungen sind für viele Unternehmen neu und ziehen einen erheblichen Investitionsbedarf nach sich", weiß BDI-Präsident Ulrich Grillo (55), schließlich führt er selbst ein Familienunternehmen, die Duisburger Grillo-Gruppe (Metall, Chemie).

Man müsse die Digitalisierung jetzt "in die Breite tragen". Für viele Mittelständler, so Christian Illek (50), Chef von Microsoft Deutschland, sei das erst ein Thema "für die übernächste Generation". Auch der ehemalige Fraunhofer-Präsident Hans-Jörg Bullinger (70) sorgt sich: Die Firmen wüssten, dass etwas getan werden müsse, "aber nicht, wo und wie sie anfangen sollen".

Dabei ist das Potenzial beträchtlich, wie eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) für manager magazin zeigt: Das verarbeitende Gewerbe könnte binnen zehn Jahren einen Produktivitätsgewinn von bis zu 150 Milliarden Euro erzielen. Auch die Volkswirtschaft profitiert: Das Bruttoinlandsprodukt durch Industrie 4.0 könnte zusätzlich um rund ein Prozent pro Jahr wachsen.

Wie gesagt: könnte, wenn sich die Zunft nicht bisweilen derart träge gerieren würde. Eine solche Attitüde provoziert beißenden Spott. "Manch Unternehmer glaubt, er sei schon 4.0, wenn sein Sohn ein Smartphone besitzt", sagt ein Angehöriger der digitalen Avantgarde. Ein anderer hat in seiner Branche gar "Taubenzüchtermentalität" festgestellt: Nur mithilfe lebender Datenträger, so die Meinung eines traditionsbewussten Mittelständlers, könne "Datensicherheit in der Cloud garantiert" werden - von einem Hackerangriff durch Habicht oder Falke einmal abgesehen.

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