Montag, 16. Juli 2018

Digitale Plattformen Street-Fighter

Digitale Plattformen: Diese Digital-Firmen entdecken die Vorzüge des Analogen
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Airbnb

Von wegen Asset light! Die Avantgarde des digitalen Kapitalismus ändert ihr Geschäftsmodell. Die nächste Runde im Kampf der Techunternehmen wird auf der Straße und mit Beton ausgetragen.

Die folgende Geschichte stammt aus der Juni-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Mai erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Tom Goodwin (39) sieht aus wie einer dieser typischen Digitalberater: zerzauste Haare, offenes Hemd, Schlabberlook. Für die Agentur Zenith Media späht er nach der neuesten Revolution. Vor drei Jahren gelang ihm ein kleiner Scoop. Er machte eine Beobachtung, die bald in keiner Keynote über die Macht der Disruption mehr fehlen durfte.

"Etwas Interessantes passiert", twitterte Goodwin damals. "Uber, das weltgrößte Taxiunternehmen, besitzt keine Fahrzeuge. Facebook, der weltweit beliebteste Anbieter von Medien, erstellt keine Inhalte. Alibaba, der wertvollste Einzelhändler, verfügt über kein Inventar. Und Airbnb, der weltweit größte Anbieter von Unterkünften, besitzt keine Immobilien."

Als die globale Wirtschaftselite Anfang des Jahres wieder in Davos zusammenkam, zog das Zitat auf den Podien immer noch seine Runden. Goodwin war das ziemlich unangenehm. Denn es stimmt inzwischen einfach nicht mehr.

Uber? Kauft von Volvo bis zu 24.000 SUVs.

Facebook? Gibt in diesem Jahr eine Milliarde Dollar für die Produktion von TV-Sendungen aus.

Alibaba? Investiert Milliarden in Supermärkte und Einkaufszentren.

Und Airbnb? Richtet künftig eigene Apartments ein.

Die Avantgarde des digitalen Kapitalismus modifiziert ihr Geschäftsmodell. Und nicht nur sie: Eine Parking-App, als Airbnb für Parkplätze gestartet, kauft Grundstücke; Lieferplattformen eröffnen Restaurants; Uber-Rivale Didi baut Ladestationen für Elektroautos.

Wohin man schaut: Das Digitale wird immer analoger. Die Plattformen wollen mehr sein als nur Bindeglied zwischen Anbietern und Nutzern.

Dabei wurde genau dieses "Asset light"-Modell an der Börse stets als ihr Stein der Weisen gefeiert. Anstatt selbst Waren zu produzieren und Dienstleistungen anzubieten, vernetzen die raketenhaft wachsenden Digitalos Fahrer und Passagiere (Uber), Käufer und Verkäufer (Alibaba), Hausbesitzer und Touristen (Airbnb).

Dieses Geschäftsmodell ermöglichte eine kapitalschonende Skalierung, wie sie vor dem Internetzeitalter undenkbar gewesen wäre. Jeder weitere Kunde ist kaum mehr als ein Eintrag in die Datenbank, zu Grenzkosten von nahe null. Millionen neue Kunden? Ein zusätzlicher Server reicht!

So gelingt es Facebook, mit einem Mitarbeiter im Schnitt 80.000 Nutzer zu betreuen. Alibaba benötigt nur 64.000 Beschäftigte, um mehr Waren zu handeln als der US-Koloss Walmart mit seinen über 2 Millionen Angestellten.

Unter Ökonomen galt das Plattformmodell allen klassisch-analogen Rezepten bis zuletzt als gnadenlos überlegen. Es liefere "schnelleres Wachstum, bessere Kapitalrenditen und höhere Gewinnmargen", resümiert Nick Johnson, Autor des Bestsellers "Modern Monopolies" und Berater der Digitalagentur Applico.

Das liegt vor allem daran, dass es die Plattformmultis geschafft haben, Geschäftsrisiken in großem Stil auszulagern. Ware, die nicht verkäuflich ist, Hotelzimmer, die nicht vermietbar sind? Für Alibaba und Airbnb keine Katastrophe, darauf blieben ja bisher die jeweiligen Anbieter sitzen. Auch liegen gebliebene Taxis waren nicht Ubers Problem, sondern das der Fahrer, denen die Autos gehören.

Warum also verlassen nun immer mehr Techkonzerne den Olymp der digitalen Vernetzung - und wühlen sich durch die Niederungen der Offlinerealität? Einfache Antwort: Es geht nicht mehr anders.

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