Dienstag, 26. September 2017

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Digitale Nomaden Mit dem Laptop um die Welt

Digitale Nomaden: Null Bock auf Büro
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imago

Sie haben keine Lust mehr aufs Büro. Ihr Arbeitsplatz ist die Welt - heute Bali, morgen Budapest.

Es geht ein bisschen zu wie auf einer Klassenfahrt. Ein Haufen junger Leute, viele Frauen, viele Deutsche, viele Niederländer, viele um die 30, alle duzen sich, alle quasseln Englisch. 13 Tage an Bord der "Zenith" von Las Palmas, Gran Canaria, nach Santo Domingo, Dominikanische Republik. Morgens Vorträge, mittags Meet-ups und Workshops, abends Party, bis tief in die Nacht. An der Pinnwand am Eingang zur Disco kleben zig handschriftlich vollgekritzelte weiße Zettel: "I'm good at ..." oder "I need help with ...".

Man hilft sich, tauscht sich aus, über Coworking-Stations, leidige Visaprobleme und was sonst noch so bewegt. Vor allem die Frage: Was machst du denn, wenn wir in der DomRep sind? Erst mal dableiben, sagen die einen, weiterziehen nach Kuba, Medellín, Brasilien oder in die USA, sagen die anderen. Einfach treiben lassen.

Die Sonne knallt über dem Atlantik, Daniel Hünebeck (40) sitzt in Polohemd und Shorts an Deck, in der Hand einen Mojito. "Ich mache mir keine Sorgen." Er war lange Mitgeschäftsführer einer Onlinewerbeagentur und bis November Head of Digital Marketing bei der Schweizer Großbank UBS in Zürich. In den nächsten zwei Jahren will er reisen, Südamerika, Südostasien, und nebenbei als Freelancer arbeiten. Gerade so viel, dass es für die Lebenshaltungskosten reicht. Seine Wohnung in Zürich hat er erst mal behalten.

Traumschiff, Saison 2017. Die Kreuzfahrt läuft unter dem Titel "Nomad Cruise" und kostet gerade mal 500 bis 700 Euro all inclusive, weil die "Zenith" von ihrer spanischen Reederei sowieso über den Atlantik überführt werden muss. Die Gäste: allesamt digitale Nomaden. Selbstständige, die per Laptop und Smartphone von überall auf der Welt arbeiten können - und das auch tun.

Der Erfinder der Kreuzfahrt ist selbst einer dieser Streuner: Johannes Völkner (34) aus Halle, Westfalen. Jahrelang ist er durch die Welt gezogen, hat in Kapstadt als Reiseleiter gejobbt, dann als Freelancer für eine Onlinemarketingagentur und hat schließlich einen Travelguide für Nomaden geschrieben. Die Kreuzfahrten veranstaltet er seit 2015. Seine derzeitige Homebase ist Tarifa an der Südspitze Spaniens. Die Stadt ist voll mit digitalen Weltenbummlern: Sie bietet mehr als 300 Sonnentage, selbst im Winter ist es selten kälter als 15 Grad, ein guter Kitesurf-Spot - und sie hat natürlich schnelles Internet.

Digitale Nomaden werden in der modernen Arbeitswelt mehr und mehr zum New Normal. Blogger, Softwareentwickler, Webdesigner, E-Commerce-Händler, die bei Alibaba Waren einkaufen und sie über Amazon wieder losschlagen, ohne sie jemals gesehen zu haben, Assistenten, Consultants - mit einem schnellen Internetanschluss, Laptop und Smartphone können sie von überall arbeiten. Die Kunden merken nicht, ob ihre Dienstleister in einem Gemeinschaftsbüro in Hamburg sitzen oder am Karibikstrand.

Die junge Nomadengeneration ist mit dem Internet groß geworden, sie fliegt billig (mit EasyJet oder AirAsia) und wohnt günstig (mit Airbnb). Und sie weiß, wie man Arbitrage betreibt - das Geld wird in Euro verdient, ausgegeben wird es in Ländern mit Weichwährungen und niedrigen Lebenshaltungskosten.

Digitale Nomaden streben nicht nach fetten Gehältern, sie brauchen keine Statussymbole. Ihr Luxus heißt Freiheit. Die Freiheit, heute hier zu sein und morgen dort. Selbst Unternehmer lenken ihre Firmen heute von unterwegs.

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