Dienstag, 27. Juni 2017

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Digitalisierung Republik der Angsthasen - Risikoscheu als Fortschrittskiller

Innovation: Risikoaversion wird zum Fortschritskiller
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AFP

2. Teil: Angsthasen bedrohen Zukunft Deutschlands

Tatsächlich schwächen die vielfältigen Ängste die Innovationskraft des Landes. Unser Horror vor Ausspähung und Cyberkriminalität hat die heimischen Unternehmen bei der Digitalisierung weit zurückgeworfen. Unsere Panik vor genveränderten Produkten erschwert der Wirtschaft den Zugang zu einer Technologie, die in wenigen Jahren allerorten eine dominierende Rolle spielen wird.

"Die Angsthasen bedrohen die ökonomische Zukunft Deutschlands", klagt Holger Zinke. Der Gründer des Biotech-Unternehmens Brain, einer der wenigen erfolgreichen deutschen Spieler der Branche, hält die Risikoaversion seiner Bürger für das gewichtigste Hightechhemmnis.

"Ohne Risikobereitschaft kann es keinen Fortschritt geben, denn null Risiko bedeutet Stillstand", sagt Bayer-Chef Marijn Dekkers. Das klingt verdächtig nach Plattitüde, nach dem Einrennen offener Türen, muss aber offenbar gelegentlich gesagt werden. Denn rund ein Drittel der Bundesbürger spricht sich laut Wissenschaftsbarometer 2015 grundsätzlich für einen Stopp der Entwicklung von Technologien aus, die unbekannte Risiken bergen könnten.

Auch deshalb reguliert Deutschland das Fracking so rigide, dass es einem Verbot gleichkommt. Lieber nehmen wir in Kauf, uns noch abhängiger von den Gaslieferungen aus Wladimir Putins Russland zu machen. Inzwischen decken die heimischen Vorkommen nur mehr 12 Prozent des Bedarfs, 10 Prozentpunkte weniger als vor zehn Jahren. Bis zu 2,3 Billionen Kubikmeter Schiefergas lagern unter deutschem Boden, das 15-Fache der konventionellen Erdgasressourcen. Mehr Selbstversorgung wäre also durchaus drin.

Der Mehrheit der Deutschen ist der technische Fortschritt zu schnell

Aber welche Partei mag sich schon mit der überwältigenden Mehrheit anlegen, die der Schreckensvision vom brennenden Wasserhahn anhängt? Die Zustimmung, unkonventionelle Gasvorkommen aufzubohren, liegt im Volk bei vernachlässigbaren 21 Prozent. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Kommunikationsagentur Edelman Anfang 2015. Auch Neuerungen aus der digitalen Welt kommen danach schlecht an. Nur jeweils ein Drittel der Bundesbürger traut Angeboten wie Cloud Computing oder mobilen Gesundheitsdiensten.

57 Prozent der Deutschen ist der technische Fortschritt grundsätzlich zu schnell - obwohl in heimischen Haushalten mehr technische Geräte stecken als anderswo; obwohl unsere Ingenieure für ihren Erfindergeist weltberühmt sind; obwohl unser gigantischer Exportüberschuss - und damit der Reichtum der Nation - auf dem globalen Erfolg innovativer Produkte made in Germany beruht.

Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, bündelt diesen eklatanten Widerspruch in einem griffigen Wort: "Wohlstandskrankheit". Saturiert und selbstgefällig, glaubten die Deutschen, sich ihre Befindlichkeiten leisten zu können. Für die Energiewende etwa ist ihnen nichts zu teuer. Klimawandel verhindern, Atomkraft eliminieren - den Ausbau alternativer Stromquellen finden wir super. Windräder und Hochspannungsleitungen, die grünen Strom von den Erzeugern im Norden zu den großen Verbrauchern im Süden leiten sollen, finden wir aber blöd.

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