Sonntag, 19. November 2017

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Wie Deutschlands Konzerne ihre Innovation neu organisieren Design Thinking - eine neue Denkschule erobert Deutschlands Strategie-Abteilungen

An der Spitze der "Design-Thinking-Bewegung" in Deutschland: Der SAP-Gründer und -Aufsichtsratschef Hasso Plattner, hier auf dem Dach des Landtagsneubaus in Potsdam.

Design Thinking drängt von der Nische in den Mainstream. Ein Hype, der die deutsche Wirtschaft von Grund auf verändern könnte.

Das "Kinderzimmer" der Telekom befindet sich in einem alten Backsteinbau in Berlin-Schöneberg. Der Teppich leuchtet in Grün oder Orange, in einer Ecke stehen bunte Sitzklötze, daneben ein Gummiball, der wie ein Globus aussieht. In den Regalen: Kisten mit Lego, Buntstiften oder Klebstoff, eine Rassel und eine Spielzeugkokosnuss kullern umher.

Die Konzernkita? Julia Leihener, die hier aufpasst, grinst und zeigt stolz Fotos von den Kerlen, die sich in ihren Räumen austoben: CEO Timotheus Höttges ist darauf zu sehen, auf einem anderen Bild sein Vorgänger René Obermann, beide kauern lachend, im Pulli, auf den Klötzen. Zuvor durften sie zusammen mit Kollegen Ideen auf Post-its notieren.

In den bunten Räumen ("Creation Center") praktiziert die Telekom "Design Thinking", eine Kreativitätstechnik, von der man sich in Bonn viel verspricht. Der Konzern will damit agiler und innovativer werden. Das Ziel: ganz neu zu denken.

Die Geschichten aus der Praxis klingen nach einer Mischung aus Psychotherapie und Marktforschung: Da wagen sich Mitarbeiter ganz nah an die Kunden heran, stellen Fragen, beobachten, nehmen deren Perspektive ein. Wie Wissenschaftler, die mit ihren Labormäusen Freundschaft schließen. Manager lernen, aus hierarchiegeprägten Denkmustern auszubrechen und die Angst davor zu verlieren, sich mit einer naiven Idee zu blamieren.

Aus den nach oben gespülten Einfällen werden möglichst früh erste Prototypen gezimmert, getreu dem Motto: Demo or die! Telekom-Manager illustrieren dann mithilfe von Lego oder Knete eine Verkaufssituation im Laden oder zeichnen eine neue Smartphone-App auf einen Pappkarton. Es sei ganz wichtig, sagt Leihener, dass man eine Idee anfassen kann.

Die studierte Designerin erzählt von gestandenen Managern, die in den Workshops ihre Hemmungen verlieren und wie verträumte Kinder Prototypen aus Spielzeug basteln. Andere haben endlich gelernt zu verstehen, wie der Durchschnittskunde tickt, weil sie zuvor eine Familie ein Wochenende lang im Eigenheim beim Kommunizieren beobachtet haben. Live, versteht sich. Es geht ums Erleben und Einfühlen, nicht um Theorie.

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