Donnerstag, 24. August 2017

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Delivery Hero Hungry Eyes

Hungry Eyes: Kampf der Essensdienste
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Jussi Ratilainen / Delivery Hero

Noch in diesem Jahr will Niklas Östberg den weltgrößten Essenslieferdienst an die Börse bringen. Die gesamte deutsche Digitalwirtschaft zittert mit - vor allem aber Großaktionär Oliver Samwer.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 2/2017 des manager magazins, die Ende Januar erschien und für die Online-Ausgabe leicht aktualisiert wurde. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Niklas Östberg (36) klingelt heute selbst an der Tür. Der CEO des Lieferimperiums Delivery Hero radelt an diesem Dezemberabend für seinen Premiumdienst Foodora durch den Prenzlauer Berg, den pinken Rucksack auf dem Rücken. Er will den Job der Ausfahrer besser verstehen. Von ihrer Auslastung hängt ab, wie viel Geld Foodora verbrennt - oder irgendwann mal verdient.

Während Östberg durch Berlin kurvt, summt immer wieder sein Handy. Sein Team verhandelt gerade den Verkauf der britischen Tochter Hungryhouse an den Konkurrenten Just Eat und braucht immer wieder Anweisungen des Chefs. Morgens um sechs Uhr steht der Preis: Für 286 Millionen Euro geht Hungryhouse nach London.

Es ist der zweite große Deal binnen sechs Tagen. Kurz zuvor hatte Östberg den Lieferdienstrivalen Foodpanda von Rocket Internet übernommen. Über insgesamt 46 Märkte erstreckt sich sein Reich seitdem, Delivery Hero ist Deutschlands derzeit heißeste Internetwette. In diesem Sommer geht es endlich an die Börse. Es wird die wohl größte Erstnotiz eines Tech-Start-ups seit Rocket Internet und Zalando im Herbst 2014 - und der entscheidende Testfall für die heimische Digitalwirtschaft. Ist das Geschäftsmodell von Delivery Hero solide genug, um nach einem Börsengang voll ausgerollt zu werden, so wie bei dem erfolgreichen Onlinehändler? Oder droht das Unternehmen an der Börse zu verglühen wie die samwersche Internetrakete? Vor allem für Oliver Samwer (44), der Rockets Börsenwert innerhalb von nur zwei Jahren um mehr als die Hälfte dezimiert hat, geht es nun um sehr viel. Seine Holding hält gut 35 Prozent an Delivery Hero - ein Fünftel des eigenen Börsenwerts. Scheitert Delivery Hero, fällt auch die Rocket-Aktie ins Bodenlose.

Luxemburg, die Woche nach den Deals. Auf Östbergs Stirn perlen kleine Schweißtropfen, als er in Laufmontur zum Gespräch erscheint. Er ist die vier Kilometer vom Haus seiner Schwiegereltern gejoggt. Dabei hat er, natürlich, rasch noch ein paar "Calls" erledigt.

Östberg, der emsige Dauerläufer- so will er wahrgenommen werden. Und sich bewusst absetzen vom mitunter sprunghaften Samwer.

Sein Lieferimperium leitet der Schwede von Montag bis Donnerstagnachmittag von der Berliner Zentrale aus. Dann fliegt er zurück nach Zürich, wo die Ehefrau und seine zwei Kinder wohnen. Damit bei der Familie keine Zweifel aufkommen, wo er seine "Homebase" sieht, lebt Östberg in Berlin seit bald sechs Jahren in wechselnden Hotels.

Seine Karriere beginnt er als Berater bei Oliver Wyman, 2007 gründet er dann in Schweden die Lieferdienstplattform Onlinepizza mit. Östberg expandiert nach Österreich, Finnland und Polen. Ohne einen Cent Risikokapital.

Zu Delivery Hero stößt er 2011. Die Berliner wollen eigentlich seine Software lizenzieren, doch als sie Niklas Östberg kennenlernen, ändert sich der Plan. Die Investoren von Lieferheld, Delivery Heros deutscher Keimzelle, machen Östberg zum Kopf für die internationale Expansion.

Als CEO kommandiert er eine der aggressivsten Aufholjagden der Internethistorie: Delivery Hero steigt in kürzester Zeit unter anderem in Russland, Australien und England ein, integriert Lieferheld und übernimmt den deutschen Marktführer Pizza.de. Über Jahre hinweg macht Östbergs Mannschaft Deals im Monatstakt und überholt so die gut zehn Jahre früher gestarteten Konkurrenten Takeaway.com und Just Eat - zumindest, was die Anzahl der Märkte betrifft.

Für einen eiskalten Lieferkrieger wirkt Östberg ziemlich nett. Das hilft ihm. Selbst diejenigen, die von dem Schweden aus dem Weg geräumt wurden, bescheinigen ihm ein exzellentes Verkaufstalent.

Wie stringent er seinen Laden führt, beweist die Zusammensetzung der Führungsebene. Delivery Hero ist zu einer Östberg-Organisation geworden. Er hat die Topmannschaft komplett umgebaut, von der einstigen Lieferheld-Führung ist niemand mehr übrig. Dafür hielten Rocket-Leute Einzug.

Das jüngste Beispiel: Christian von Hardenberg (41), der langjährige Technikchef der Start-up-Holding. Rocket-CEO Oliver Samwer wollte den nerdigen Grafen aus seinem engsten Führungszirkel ursprünglich nur vorübergehend ausleihen. Als Östberg das nicht akzeptierte, wechselte Hardenberg komplett.

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