Freitag, 16. November 2018

Boehringer-Patriarch Hier kommt Curt

Reich, aber oft unglücklich - der ehemalige Boehringer-Patriarch Curt Engelhorn hat für Freunde seine Autobiografie geschrieben: eine überraschend freimütige Lebensbeichte.

Es ist nicht etwa eine der schönen Suiten des "Mandarin Oriental". Keine Terrasse, kein Blick über München. Dafür herrscht im Zimmer eine gewisse Enge, ein Eindruck, der auch den herumstehenden Kleiderständern geschuldet sein mag - der bayerische Herrenausstatter hat Sakkos geliefert.

Hier empfängt uns Curt Engelhorn. Immer noch aufrecht, schlank und hochgewachsen, und doch hat man Mühe, in diesem liebenswürdigen Herrn von 81 Jahren mit dem sorgfältig gescheitelten Haar den Unternehmer zu erkennen, der im deutschen Wirtschaftsleben eine so eigensinnig-nachdrückliche Spur hinterlassen hat.

"Wo mögen Sie sitzen?", fragt er höflich und entschuldigt im gleichen Atemzug das unkommode Ambiente. Einkäufe, Arztbesuche, Freunde sehen - die Münchener Tage sind mit Terminen angefüllt. Und jetzt noch das Gespräch über das Buch, das er mit Unterstützung eines journalistisch versierten Ghostwriters geschrieben hat. "Hefe im Teig".

Spannend wie ein Wirtschaftskrimi urteilen Freunde, denen er den 300 Seiten starken Band anlässlich seines 80. Geburtstags überreicht hat, aber es ist mehr als das. Es ist eine Lebensbeichte. Die überraschend offen erzählte Autobiografie eines Unternehmers über Familie und Vermögen. Ein Blick hinter die Kulissen des Big Business - voller Krisen und Intrigen, Zwietracht, Neid und Streitereien.

Und warum ist das Buch nicht auf dem Markt? Da steckt Engelhorn in einem Dilemma. Auf der einen Seite will der ehemalige Hauptgesellschafter von Boehringer Mannheim verständlicherweise noch einmal auf sein Lebenswerk hinweisen, auf die vollbrachten Pioniertaten in der Pharmabranche.

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Auf der anderen Seite aber möchte sich Engelhorn bedeckt halten, am liebsten anonym bleiben. Eben wie ein guter Milliardär im Hintergrund agieren. Da kämpfen zwei Seelen in seiner Brust. Und er neigt, so scheint uns, je nach Tagesform mal dieser, mal jener Variante zu: Abschottung oder Öffentlichkeit.

Geschont hat er sich nämlich nicht. Engelhorn zeigt nicht nur den Unternehmer, der sich gegen seine Verwandtschaft erfolgreich durchsetzt, er beschreibt auch den Privatmann, der über weite Strecken seines Lebens gescheitert ist. Es ist die Welt des großen Geldes, in der sich Familienstämme befehden, Frauen problemlos ausgewechselt, weil gut abgefunden werden, und Kinder, wie Francesca von Habsburg, geborene Thyssen-Bornemisza, es einmal ausdrückte, nichts als Altlasten von Ex-Frauen sind.

So entstand, vielleicht ungewollt, das Porträt einer ganzen Kaste. Ein Einblick in den Klub der Milliardäre, der Superreichen, die keinem Staat, keiner Gesellschaft mehr wirklich zugehören, keine Bürger, nicht mal Großbürger mehr sind, eine unstete Schar herumschweifender Residenten - auf der Flucht vor dem Fiskus.

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