Dienstag, 24. Oktober 2017

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Von der Fast-Pleitefirma zum Schaltkreis-Disruptor Das unglaubliche Comeback von Infineon

Der Chiphersteller war eigentlich schon Geschichte. Bis er seine Fabriken von Grund auf neu dachte: vernetzt und virtuell. Seither schreiben die Münchener Digital-Geschichte.

Lautlos gleitet das schwere Metalltor zur Seite und gibt den Weg frei zu der langen, geschwungenen Auffahrt. Der Wachmann öffnet eine kleine Pforte neben den Drehkreuzen am Eingang, per Fahrstuhl geht es in die vierte Etage. In einer Umkleidekabine heißt es ausziehen bis auf die Unterwäsche, dann in blauer Jogginghose und weißem T-Shirt weiter den Gang entlang, unsere Gummilatschen schmatzen über klebrige Fußmatten zur nächsten Sicherheitsschleuse. Helfende Hände streifen Ganzkörperanzüge aus dünner Kunstfaser über den Einheitsdress; mit Kapuze, Mundschutz und Gummihandschuhen ähnelt nun jeder einem Chefarzt kurz vor der OP.

Was anmutet wie eine Mischung aus Hochsicherheitsgefängnis, Intensivstation und "Raumschiff Enterprise" ist eine der modernsten Chipfabriken der Welt. Hier am Rande der Dresdener Neustadt produziert Infineon sogenannte Leistungshalbleiter, kleinste elektronische Bauteile, die später Automotoren steuern, Handys laden oder Kreditkarten sichern. Jedes Staubpartikel kann die nur wenige Nanometer breiten Leiterbahnen beschädigen, daher die strengen Bekleidungsvorschriften.

Reinhard Ploss (60) eilt zwischen den Schaltkästen hindurch wie ein Fremdenführer durch die Gassen der Dresdener Altstadt. Der Infineon-Chef kennt hier jeden Winkel, kann jeden Produktionsschritt erklären - und tut es auch. Roboter surren durch die in gelbes Licht getauchten Gänge, ein Greifarm zieht wie bei einer Jukebox silberne Scheiben aus einer Plastikkiste und legt eine nach der anderen auf einen Plattenteller. Nur dass der zweite Arm keine Musik abspielt, sondern eine hauchdünne Lackschicht aufträgt, auf die später die Schaltkreise belichtet werden wie auf einem Diafilm.

Reinhard Ploss, der schaumgebremste Chef

Je nach Produkt passen bis zu 10.000 Chips auf einen solchen Wafer. "Welche der vielen unterschiedlichen Varianten produziert werden soll, erkennt die Maschine anhand eines Codes am Rande des Wafers", erklärt Ploss. Die passende Struktur holt sich die Maschine aus dem Zentralcomputer. Fertig.

In seiner Vermummung ist Ploss nur durch das Namensschild als CEO zu erkennen, was ihm sehr recht ist. Gäbe es einen Preis für den unbekanntesten Vorstandsvorsitzenden aller Dax-Konzerne, Ploss hätte exzellente Titelchancen. Die öffentliche Inszenierung liegt ihm nicht, er bezeichnet sich als "schaumgebremst", seinen Kaffee schenkt er sich am liebsten selbst ein.

Die Gefahr, hier im Allerheiligsten erkannt zu werden, wäre ohnehin gering. Man sieht die Orientierungshilfen für die Roboter am Boden, Transportbänder unter der Decke und viel glänzenden Edelstahl. Menschen sieht man nicht.

Die virtuelle Fabrik, die Manager und Wissenschaftler als Technologie der Zukunft preisen, ist in Dresden längst real. "Infineon hat bei der Vernetzung seiner Produktion Maßstäbe gesetzt", sagt Bains Deutschland-Chef Walter Sinn. Nicht nur innerhalb des Werks weiß eine Maschine genau, was die nächste tut und welche Priorität jeder Auftrag hat. Alle 19 Fabriken weltweit kommunizieren miteinander - und mit den Rechnern der Kunden und Lieferanten. Kommt ein Auftrag rein, entscheidet das System, wann und wo die Order abgearbeitet wird. Das spart Zeit, senkt die Kosten und erhöht die Produktivität.

"Infineon hat eine überlegene und sehr überzeugende Geschäftsstrategie", lobt Ann-Kristin Achleitner, Wirtschaftsprofessorin an der TU München. Kaum ein anderes Unternehmen ist bei der digitalen Vernetzung der Produktion so weit vorn. Dafür wird der Konzern mit dem Game Changer Award in der Kategorie "Operations of the Future" ausgezeichnet.

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