Sonntag, 21. Oktober 2018

Von der Fast-Pleitefirma zum Schaltkreis-Disruptor Das unglaubliche Comeback von Infineon

3. Teil: Fehlerquote weniger als eins zu zehn Millionen

Ploss betont gern, dass viele Mitarbeiter, deren Aufgaben wegrationalisiert wurden, sich intern weiterqualifiziert und nun andere, bessere Jobs haben. Die Belegschaft, versichert der CEO, trage den Digitalisierungskurs voll mit. "Es kommt viel aus der Mannschaft heraus. Mir geht es darum, eine Kultur des Wagens und Dürfens zu schaffen, in der die Kollegen die Vorgaben selbst in konkrete Schritte übersetzen und die Erfolge selbst wahrnehmen."

Reinhard Ploss: Der Verfahrenstechniker verbrachte sein Berufsleben im Siemens-Universum. Als die Chipsparte 1999 ausgegliedert wurde, ging er mit zu Infineon. 2007 wurde er Vorstandsmitglied, 2012 CEO.

In Dresden sind sie stolz darauf, dass die Fehlerquote inzwischen bei weniger als eins zu zehn Millionen liegt. Doch Ploss legt die Latte schon wieder höher. "Auch dieser eine Fehler unter zehn Millionen Chips wird in Zukunft nicht mehr akzeptiert werden", sagt er. "Wer möchte schon in dem autonom fahrenden Auto sitzen, in dem dieser eine Chip verbaut wurde? Wir werden uns in Richtung Null-Fehler-Toleranz bewegen."

Um diesem Anspruch näherzukommen, verlässt sich der Dax-Konzern nicht nur auf seine eigenen Stärken. Anfang 2015 kaufte Infineon für drei Milliarden Dollar den Konkurrenten International Rectifier und stärkte damit seine Position auf dem US-Markt. Im Juli 2016 folgte die Ankündigung, für 850 Millionen Dollar Wolfspeed zu übernehmen. Die Amerikaner sind Spezialisten für Halbleiter auf Basis von Siliziumcarbid. Die Chips sind besser für höhere Spannungen geeignet, zudem lassen sich noch mehr von ihnen auf einem Wafer unterbringen. Das hilft, Kosten zu sparen.

Von seinem jüngsten Zukauf, der Philips-Ausgründung Innoluce, erhofft Ploss sich neue Impulse für die Automobilsparte: Die Niederländer sind Spezialisten für laserbasierte Abstandsmessungen, die eine wichtige Rolle bei der Entwicklung autonom fahrender Autos spielen könnten.

Das Risiko, selbst zum Übernahmekandidaten zu werden, hält Ploss für überschaubar. "Wir sind bei der aktuellen Marktkapitalisierung (18 Milliarden Euro) nicht gerade ein Schnäppchen. Und je erfolgreicher wir sind, desto sperriger werden wir."

Feindliche Offerte nicht ausgeschlossen

Ausgeschlossen ist eine feindliche Offerte freilich nicht. Gerade hat der Branchenvierte Qualcomm die Übernahme des Infineon-Rivalen NXP für rund 47 Milliarden Dollar angekündigt. Die Niederländer sind gemessen am Umsatz die Nummer sieben der Branche, die Münchener stehen auf Platz zehn. Ploss gibt sich entspannt: "Ich bin da nicht nervös."

Auf dem Rückweg von der virtuellen in die reale Welt steht er schon wieder im Anzug in der Umkleide und eilt zur Tür, als alle anderen noch an den Reißverschlüssen ihrer Schutzanzüge nesteln. In zehn Jahren, schätzt er, könnten alle Fabriken auf dem Stand von Dresden sein, inklusive der Zukäufe. Sein Vertrag läuft noch bis 2020, bis dahin will Ploss weiterhin jährlich 8 Prozent Wachstum und eine Rendite von 15 Prozent abliefern. Infineon würde dann 8,5 Milliarden Euro Umsatz erzielen - über 2 Milliarden mehr als heute.

Und sein persönliches Ziel? Jetzt muss er überlegen. "Ich will ein Infineon hinterlassen, bei dem die nächste Generation nicht sagen muss: Jetzt müssen wir erst mal aufräumen", sagt er schließlich. "Am besten wäre, wenn man gar nicht merkt, dass ich weg bin."

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