Samstag, 15. Dezember 2018

Von der Fast-Pleitefirma zum Schaltkreis-Disruptor Das unglaubliche Comeback von Infineon

2. Teil: Pleite schien eine Frage der Zeit zu sein

Noch vor wenigen Jahren hätte niemand auf Infineon gewettet. Im März 2009 dümpelte der Aktienkurs bei 0,35 Euro. Der weltweite Chipmarkt war eingebrochen, das Unternehmen schrieb rote Zahlen. Pleite oder Übernahme - das Ende der früheren Siemens-Sparte schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Inzwischen hat das Unternehmen seinen Umsatz auf 5,8 Milliarden Euro mehr als verdoppelt, wächst schneller als der Markt und zählt mit einer Nettomarge von 15 Prozent zu den profitabelsten Chipherstellern der Welt. Wie war das möglich?

"Mir war immer klar, dass die Fertigung in Deutschland wegen der hohen Lohnkosten unter Druck geraten würde", sagt Ploss. "Zudem werden unsere Produkte und Prozesse immer vielfältiger und komplexer. Als Mensch da noch den Überblick zu behalten und keinen Fehler zu machen ist unmöglich." Also begann er bereits in seiner Zeit als Produktionsvorstand, menschliches Wissen durch Maschinenwissen zu ersetzen. Er schaltete schneller als die Konkurrenz, rüstete Infineons Fabriken auf Industrie 4.0 um, als die meisten Big Data noch für den neuesten Blockbuster aus Hollywood hielten. "Die konsequente Fokussierung und der hohe Integrationsgrad in der Fertigung tragen ganz klar Ploss' Handschrift", sagt Halbleiterexperte Hans Joachim Heider von Bain. Er habe Infineon zu einem weltweiten Vorreiter gemacht.

Die Grundlage dafür hatte sein Vorgänger Peter Bauer gelegt, der 2012 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Amt schied. Er lagerte die defizitäre Speicherproduktion aus, die später unter dem Namen Qimonda in die Pleite schlitterte, verkaufte den zu kleinen Handychipbereich an Intel.

Auf Hochleistungschips spezialisiert

Heute ist Infineon Börsen-Chart zeigen auf Hochleistungschips für Autos, Energiesteuerung und Sicherheit spezialisiert - Segmente, in denen sich mehr Geld verdienen lässt und die überdurchschnittlich wachsen. Automatisiertes Fahren, erneuerbare Energien, Internet-Security: "Wir haben die richtigen Märkte, andere hätten die gern", sagt Ploss mit Blick auf die weniger ertragsstarken Rivalen.

Parallel dazu investierte der Manager in neue Technologien wie die Fertigung von Wafern mit 300 Millimetern Durchmesser, auf denen sich mehr Chips unterbringen lassen als auf dem bisherigen 200-Millimeter-Standard. "50 Prozent unseres Erfolgs ist Innovation", sagt Ploss. Derzeit entsteht in Dresden die weltweit einzige 300-Millimeter-Fertigung von Leistungshalbleitern.

3,5 Milliarden Euro hat der Münchener Konzern in den vergangenen Jahren allein in den Standort Dresden investiert. "Viel Geld", sagt Ploss, "aber es hat sich gelohnt." Stillstandszeiten gibt es praktisch nicht mehr, das Werk produziert an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr. Die mobilen Roboter laden ihre Akkus während des Betriebs wieder auf, durch die Automatisierung ist die Produktivität um fast 70 Prozent gestiegen - und die Zahl der Arbeitsplätze nicht gesunken. 2000 Mitarbeiter beschäftigte Infineon vor zehn Jahren in Dresden, genauso viele wie heute.

"Viele weniger qualifizierte Jobs wurden ersetzt, dafür sind neue hoch qualifizierte Tätigkeiten entstanden", sagt der Vorstandschef. Die 4000 Stellen jedoch, die durch das Ende der Speicherchipproduktion verloren gingen, kehrten nicht zurück.

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