Dienstag, 20. November 2018

Hightech-Offensive Lenins Techies - wie China Innovationsführer werden will

Lenins Techies: So greift China im Hightech-Sektor an
imago/VCG

Unter dem starken Mann Xi Jinping unternimmt das Land ein historisches Großexperiment: In straffer Disziplin soll die Volksrepublik zum Innovationsführer werden. Aber wie passt kreatives Denken zu KP-Gehorsam?

Die folgende Geschichte stammt aus der Juli-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Juni erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Wenn Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping auf Reisen geht, hat seine Entourage stets mehrere Smartphones der halbstaatlichen Firma ZTE im Gepäck. Schenkten die Herrscher ihren Gastgebern bei Staatsbesuchen früher Porzellan oder Seide, sind es heute die mobilen Alleskönner.

Die Botschaft an die Welt ist klar: Wir können auch Hightech. Kein Unternehmen verkörpert diesen Wandel so sehr wie ZTE aus Shenzhen, neben dem privaten Konkurrenten und Lokalrivalen Huawei der technologische Vorzeigekonzern Chinas. Beide dominieren den globalen Telekommarkt, nicht mit Handys, sondern mit der Infrastruktur, die das mobile Telefonieren erst möglich macht. Beide liegen inzwischen weltweit an der Spitze im Anmelden von Patenten. Beide beschäftigen eine Armada von Zehntausenden Forschern und Ingenieuren in ihren Labors. Beide schicken sich an, die neue 5G-Technologie global zu beherrschen. Beide sind der Stolz der Führung in Peking.

Und dann passiert das: ZTE steht vor dem Kollaps, wesentliche Teile des Betriebs werden im Mai stillgelegt. Grund: Die USA haben eine Liefersperre für Chips verhängt. Weil der Konzern im großen Stil verbotene Geschäfte mit dem Iran und Nordkorea betrieb, dürfe er bis 2025 keine Chips mehr aus den USA beziehen.

Brutal führten die Amerikaner den Chinesen vor, wie abhängig sie noch sind. Rund 90 Prozent der in China benötigten Chips stammen aus dem Ausland. Donald Trump diktierte harsche Bedingungen (plus eine Milliarde Dollar Strafgeld), bevor er Pekings Techliebling einen Gnadendeal gewährte. Der US-Senat blockierte aber auch diese Lösung erst einmal.

Der Fall ZTE hat Chinas Hightechambitionen einem harten Realitätscheck unterzogen. Trotz aller Erfolge zeigt sich: Bis zur technologischen Unabhängigkeit oder gar Dominanz fehlt es dem Schwellenland noch immer an Exzellenz.

Dabei ist Innovation der Schlachtruf, mit dem die Staatsführung die letzte Runde der Aufholjagd gegenüber dem Westen ausruft. Sie sei "die wichtigste Triebkraft der Entwicklung", beschwor Xi Jinping vergangenen Herbst auf dem Parteitag. Nur durch Innovationen könne China mit einem froschartigen Satz ("Leapfrogging") in die Liga der Großmächte aufsteigen und den USA Paroli bieten.

Die industriellen Revolutionen der vergangenen 250 Jahre haben die Chinesen verschlafen. Das Reich der Mitte, das einst Papier und Buchdruck, den Kompass und das Schwarzpulver erfunden hatte, verfiel zum Armenhaus. Die Digitalisierung will das wieder erwachte China nun nutzen, um zu alter Stärke zurückzufinden. So wie es das nationale Selbstverständnis seit je vorsah.

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